Publikationen https://bw.rosalux.de/ Hier finden Sie unsere Publikationen. de Copyright Tue, 29 Sep 2020 01:14:56 +0200 Tue, 29 Sep 2020 01:14:56 +0200 TYPO3 Publikationen https://bw.rosalux.de/fileadmin/sys/resources/images/dist/logos/logo_rss.jpg https://bw.rosalux.de/ 144 109 Hier finden Sie unsere Publikationen. news-41810 Mon, 23 Mar 2020 11:51:55 +0100 100 Jahre Kapp-Putsch, 100 Jahre «Stuttgarter Republik» https://bw.rosalux.de/publikation/id/41810?cHash=065fb2eb808519e7c0e3d519d0fe6c5d Der Vorsitzende der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg Erhard Korn berichtet in Tagebuchform die Geschehnisse von vier Tagen «Stuttgarter Republik» als die Reichsregierung 1920 in Folge des Kapp-Putsches nach Stuttgart floh.

Vier Tage «Stuttgarter Republik»
«Tagebuch» zum Kapp-Putsch in Stuttgart und Württemberg

Samstag, 13.03.1920

Putsch – Einmarsch der Marinebrigade Ehrhardt (Baltikums-Freikorps) mit Hakenkreuzen am Stahlhelm in Berlin – Besetzung ohne Widerstand, Oberbefehl General von Lüttwitz.
Die Gewerkschaften und die Regierung rufen in Berlin den Generalstreik aus.
Flucht der Regierung in PKW wenige Minuten vor Besetzung des Regierungsviertels, Inspirator Ludendorff wollte die Regierung eigentlich «baumeln sehen»,
Flucht nach Dresden, dort unsichere Haltung des kommandierenden Generals Maerker.
Noch am 12.3. hatte Noske versucht, angesichts von Putschgerüchten die Reichswehr hinter sich zu bringen, Reichswehrchef Hans von Seeckt: «Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr», er steht zur Republik «mit dem Ekel im Herzen und dem Fluch auf der Zunge», zu den Republikgegnern: «Im Ziel waren wir uns einig; nur in den Wegen dorthin unterschieden wir uns.»

Der Vorsitzende des Ludwigsburger Soldatenrats Ernst Reiner hatte Noske gewarnt. In einem Brief an den württembergischen Staatspräsidenten Blos vom 13.3.20 verweist er auf einen Brief an Reichswehrminister Noske, in dem er geschrieben hatte: «Ich sage Ihnen bestimmt, dass die heutigen Offiziere nur den Augenblick abwarten, in dem eine Abschwenkung für sie günstig wäre. Die Offiziere sind mit verflucht wenigen Ausnahmen nach wie vor Monarchisten und alle gegenteiligen Versicherungen sind Heuchelei.» Die Soldatenräte hatten verlangt, dass sie als Kontrollorgane gegen die reaktionären Offiziere beibehalten werden sollten. Noske hatte ihre Abschaffung durchgesetzt und den Reaktionären so freie Hand geschaffen.

In Stuttgart lässt der kommandierende General Haas am 13.3. seine Offiziere abstimmen. Fast alle sind für den Putsch, die Mannschaften allerdings stellen sich dagegen.
Führer der Stuttgarter Einwohnerwehren verlangen morgens von Leutnant Paul Hahn, dem Befehlshaber der Polizeiwehr, eine Unterstützung des Putsches. Er droht mit Verhaftung und wird zur Schlüsselfigur für das Scheitern des Putsches in Württemberg.

13.03.1920 nachmittags USPD-Protestversammlung in Rollschuhbahn (Neckarstraße 288) gegen den Putsch, gegen Streik, für Entwaffnung der Gegenrevolution und für Bewaffnung Proletariat,
Am Abend stimmt der SPD-Landesvorstand gegen Generalstreik (unnötig)

Sonntag, 14.03.1920

Die Württembergische Bürgerpartei (der württembergische Ableger der Deutschnationalen Volkspartei) lässt heimlich Flugblätter zur Unterstützung des Kapp-Putsches drucken, die von der Polizei beschlagnahmt werden. Darin heißt es «Wo sich Truppen (der Putschisten) zeigen, wurden sie entblößten Hauptes mit vaterländischen Liedern empfangen. Die Erwerbsstände begrüßen die Befreiung von der Zwangswirtschaft mit Jubel.» 1924 wurde Wilhelm Bazille, Chef der Bürgerpartei, der die Weimarer Verfassung abgelehnt und den Kapp-Putsch unterstützt hatte, württembergischer Staatspräsident.
In Dresden weigerte sich der kommandierende General Maerker, die Reichsregierung zu schützen: «Truppe schießt nicht auf Truppe.» Da auch Weimar in der Hand von Putschisten ist und in Bayern die Regierung Hoffmann (SPD) vor der Absetzung steht, beschließt die Regierung unter Ebert die Flucht nach Stuttgart, wo sie am 15.3. mittags ankommt.

Montag, 15.03.1920

Im Reich greift der Aufruf zum Generalstreik. Etwa 12 Millionen Menschen streiken und isolieren die Putschisten – der größte Generalstreik, den es hierzulande je gegeben hat.
13 Uhr Ankunft Regierung in Stuttgart, Noske übernimmt Oberbefehl Sicherheitskräfte, beauftragt Leutnant Hahn mit der Sicherung.
In Stuttgart nachmittags Versammlung Betriebsräte aller 3 Arbeiterparteien, die einen Generalstreik ab Dienstag, 16.3.beschließen (2 Tage) und einen provisorischen Ausschuss des Arbeiterrats Groß-Stuttgart bilden. Ausnahme Fernzüge, damit Abgeordnete zur Sitzungen kommen können
Die Forderung nach Bewaffnung der Arbeiter wird von der Landesregierung abgelehnt.

Die (württembergische) KPD klagt in ihrem Aufruf zum Generalstreik die «Blutschuld und den Verrat an der proletarischen Revolution durch die Ebert-Noske-Leute» an und schreibt: «Der Generalstreik ist deshalb ein Protest nicht nur gegen die Kapp-Lüttwitz-Ludendorff, sondern auch gegen die bürgerliche Demokratie. Absolutistisch-militaristische Monarchie wie die bürgerlich-sozialdemokratische Demokratie, beide sind Feinde des schaffenden Volkes.»

Die badische Regierung schreibt in einem Telegramm an den Reichsinnenminister in Stuttgart: «Gefahr von rechts nicht vorhanden: dagegen hat sich die lage durch lebhafte agitation von USP und KPD auf auslieferung von waffen an proletariat und bildung von arbeiterbataillonen verschaerft.»

15.3.Staatspräsident Blos: «Als wir über den Bahnsteig nach dem Hotel Marquart schritten, entblößte die zahlreich Spalier bildenden Bevölkerung schweigend achtungsvoll das Haupt. Im Hotel wurde der Wunsch laut, im Schloss einquartiert zu werden «Schloss, Schloss», tönte es durch die Unterhaltung bei Tische.

Pressekonferenz Reichskanzler Gustav Bauer (musste wie Noske nach dem Putsch zurücktreten).
«Bauer führte aus, dass die Regierung habe Blutopfer vermeiden wollen, deswegen habe sie Berlin verlassen. Die Reichswehr sei zu erheblichen Teilen nicht geneigt, den gewaltsamen Umsturz mitzumachen. Die württembergische Reichswehr, die Wehrkommandos in Kassel, Münster und München stünden auf dem Boden der Reichsverfassung.»
In Wirklichkeit schon viel, wenn Putsch nicht aktiv unterstützen (Maerker: «nichts gegen Verfassung tun») Fritz Elsas: Besprechungen mit Sozialdemokraten und Demokraten: «innenpolitische Säuberung der höheren Staatsbeamtenschaft“ notwendig, «offensichtliches Versagen Noskes», «Verbindungen der Putschisten in Bürgerpartei, in Professoren- und Korporationskreise hinein.»
Osten Deutschlands in Hand der Putschisten.

«Überall wo die Reichswehr sich als aufrührerisch erwiesen hat, ist sie von der Arbeiterschaft und den Linksstehenden niedergeschlagen und entwaffnet worden.» (Tagebuch Elsas)
Militär nicht eindeutig, Generalmajor Haas, der Oberbefehlshaber in Stuttgart, lässt Offiziere abstimmen: Offiziere für Kapp, Mannschaften geschlossen dagegen. «Der Not dieser Tatsachen folgend“, so Hahn, stellte sich Haas hinter die Regierung. Innenminister Heymann verlangt seine Verhaftung.
General Haas bezeichnet Parlamentarier als Schwätzer, lehnt Wahlen ab, unterstützt parlamentarische Republik nur, um «Spartakus und roten Schrecken» zu verhindern.
General Haas mobilisiert Studentenkompanien in Tübingen für Marsch nach Stuttgart – ohne Zuständigkeit und gegen Anordnung Leutnant Haas, verlangt Belagerungszustand und Kommando über Einwohnerwehren. In München wird auf diese Weise der SPD-Ministerpräsident gestützt.

Dienstag, 16.03.1920

Vertrauensleuteversammlung der Stuttgarter Betriebe im (alten) Gewerkschaftshaus (Esslinger Straße, heute Parkhaus Breuninger) Aufruf zum Generalstreik.
Wilhelm Blos (SPD) bezeichnet den Generalstreik am 16.3. im Landtag als «nicht böse gemeint» aber überflüssig, verwahrte sich aber gegen den Einfluss der Gewerkschaften als «Nebenregierung».
Die Beendigung des Generalstreiks wird von den Gewerkschaften und Beamtenverbänden am 18.3. an Bedingungen geknüpft, die in 9 Punkten formuliert und verhandelt werden:
Demokratisierung von Verwaltung und Reichswehr, Einfluss der Gewerkschaften, Sozialisierung Schwerindustrie, Auflösung konterrevolutionärer Formationen, Bestrafung Putschisten, Rücktritt Noskes werden von Vertretern der Reichsregierung, der preußischen Regierung und der Koalitionsparteien am 20.3. versprochen, dafür brechen Gewerkschaften und Beamtenverbände den Generalstreik ab. Die Zusagen werden aber später nicht eingehalten.
Legien (SPD-MdR), der Führer des ADGB, verhandelt mit SPD, USP, KPD Zentrum und Gewerkschaften/Arbeitnehmerverbänden über eine «Arbeiterregierung».
Staatspräsident Blos lehnt am 27.3. in Verhandlungen im (Staatsministerium, heute Mittnachtbau) diese 9 Forderungen rigoros ab, die Richard Müller vom DMV (Metallarbeiterverband) vorträgt. Die Enttäuschung ist groß. In der Folge verliert die SPD massiv an Mitgliedern und Zustimmung:
Ende März Betriebsratswahlen, Sieg der Linken in den Großbetrieben (Daimler 12 USP, 5 KPD von 22, Bosch 8 USP und 3 KPD)
19.3. Daimler-Arbeiter versuchen, Reichswehreinsatz im Ruhrgebiet zu verhindern, ebenso NSU, doch Mehrheit geben Sympathiestreik, 1. Mai Streik, weil Regierung Maifeiertag nicht einführen will.
6. Juni 20 Wahlen (Reichstag und Landtag) USP steigt von 6.000 auf 16.000 Mitglieder, SPD verliert ein Viertel der Mitglieder, Landtag: SPD von 34 auf 16%, USP von 3 auf 13%, KP 3%, USP im Großraum Stuttgart stärker als SPD.

Mittwoch, 17.03.2020

Mit einem Sonderzug schicken die Putschisten Vermittler wie General Maerker nach Stuttgart. Das Scheitern wird offensichtlich. Lüttwitz und Kapp treten zurück, die Putschisten ziehen sich langsam aus Berlin zurück.
Reichsinnenminister Koch bezeichnet vor der Presse im Alten Schloss den Putsch in Schlesien als wohlorganisiert, die Situation in Ostdeutschland als unübersichtlich. Als Zeuge berichtet Fritz Elsas: „Koch musste den Satz aussprechen:

Überall wo die Reichswehr sich als aufrührerisch erwiesen hat, ist sie von der Arbeiterschaft und den Linksstehenden niedergeschlagen und entwaffnet worden.“

Im Alten Schloss tagt der Reichsrat (die Länderkammer) unter Beteiligung des Reichspräsidenten Ebert und verurteilt den Putsch. Reichsaußenminister Müller, der künftige Reichskanzler, betont, dass Kompromisse mit den Siegermächten nur möglich seien, wenn die Meuterei beendet werde.
General Haas verlangt am 17.3. 20 in einem Brief an Staatspräsident Blos die Verhängung Belagerungszustand und die Einberufung der nationalistisch dominierten Stuttgarter Einwohnerwehr sowie den Einsatz der ebenso nationalistischen Tübinger Studenten vorgeblich gegen „Räterepubliken“. Der Befehlshaber der Polizeiwehr Otto Hahn, der Haas abhören lässt, lehnt ab, da er nicht ohne Grund ein Vorgehen des Tübinger Studentenbataillons gegen Reichsregierung in Stuttgart befürchtet, die dem Putsch durch die Verhaftung der Regierung im Alten Schloss noch zum Erfolg verhelfen wollen.
Hahn stützt sich auf seine Polizeiwehr und die Stuttgarter Studentenkompanien unter Carlo Schmidt und Eberhard Wildermuth, die später als Minister eine wichtige Rolle spielen werden.

Donnerstag, 18.03.2020

4:00 Uhr 156. Sitzung der Nationalversammlung Kunstgebäude am Stuttgarter Schlossplatz, Begrüßung Präsident Fehrenbach
Rede Staatspräsident Blos (SPD): „Dieser Staatsstreich, der durch die Energie der Regierung vereitelt worden ist, wird das deutsche Volk von neuem zusammenschweißen und wird es ermuntern, allen reaktionären Mächten den äußersten Widerstand zu leisten.“ Anders als 1849, als die deutsche Nationalversammlung nach Stuttgart fliehen musste und von einer „zweideutigen Regierung“ gesprengt wurde.
Den Generalstreik bezeichnete er am 16.3. im Landtag als „nicht böse gemeint“ aber überflüssig (137), verwahrte sich aber gegen den Einfluss der Gewerkschaften als „Nebenregierung“.

Denkwürdige Rede Scheidemann (Fraktionsvorsitzender SPD), klagte massiv die antirepublikanische Entwicklung und den reaktionär-monarchistischen Geist in der Reichswehr und damit das Versagen des Reichswehrministers Noske an.

„Aber die Arbeiterschaft sollte auch nicht vergessen, dass der Sieg nur errungen werden konnte von einer geschlossen kämpfenden Arbeiterschaft. Daraus müssen die Arbeiter ihre Lehren ziehen. Solange sie nicht- was ich bedaure – ein gemeinsames Ziel haben, müssen sie wenigstens das zu sichern wissen, was gemeinsam errungen, was gemeinsam erkämpft worden ist und auch – von Etappe zu Etappe – das erkämpfen, was ihr gemeinsames Ziel sein kann.“

Er verwies auf die Bedeutung des Generalstreiks und der Kämpfe gegen die Putschisten: „Hut ab vor denen, die für die Freiheit gekämpft haben und gestorben sind“ und verlangte eine gründliche Säuberung der Reichswehr. Er schloss mit den Worten „Es lebe die Demokratie, die die Grundmauer der Republik ist, die Demokratie, die uns zum Sozialismus führen soll.“
In der SPD-Fraktion verlangt er den Rücktritt Noskes, was diese auf Intervention von Ebert ablehnt.
Wenige Tage später müssen Bauer und Noske gehen.
Nach der Sitzung Einladung der Reichsregierung und des Reichspräsidenten durch Bürgermeister Lautenschlager in den Ratskeller zum Abschiedsessen: ein Weckle, zwei Saitenwürstle, Karoffelsalat.

Freitag, 19.03.2020

Im Alten Schloss tagt die SPD-Reichstagsfraktion. Unter Anwesenheit der sozialdemokratischen Regierungsmitglieder. Ebert berichtet von den Verhandlungen mit dem Gewerkschaftsvorsitzenden Legien in Berlin.
Die Beendigung des Generalstreiks wird von den Gewerkschaften und Beamtenverbänden am 18.3. an Bedingungen geknüpft, die in 9 Punkten formuliert und verhandelt werden:

Demokratisierung von Verwaltung und Reichswehr, Einfluss der Gewerkschaften, Sozialisierung Schwerindustrie, Auflösung konterrevolutionärer Formationen, Bestrafung Putschisten, Rücktritt Noskes, der Vertreter der Reichsregierung, der preußischen Regierung und der Koalitionsparteien am 20.3. weitgehend zustimmen.

Legien (SPD-MdR), der Führer des ADGB, verhandelt mit SPD, USP, KPD Zentrum und Gewerkschaften/Arbeitnehmerverbänden über eine „Arbeiterregierung“.
Die Forderung nach Noskes Rücktritt wird von Ebert verschwiegen, die Fraktion ersucht Noske, im Amt zu bleiben.

Anschließend berichtet Ebert in einer Kabinettsitzung im Schloss von den Verhandlungen mit den Gewerkschaften. Es wird eine Kommission bestellt, die mit den Gewerkschaften verhandeln soll.
Nach der Kabinettsitzung erneut Fraktionsversammlung der SPD. Scheidemann klagt Ebert und Noske an, die der Fraktion die Putschpläne von Lüttwitz verschwiegen und Lüttwitz nach der Ankündigung des Putsches nicht verhaftet hätten. Scheidemann: Das Steuer muss nach links geschissen werden. Er betont die Richtigkeit der Forderungen der Gewerkschaften.
Der württembergische Staatspräsident Blos (SPD) lehnte am 27.3. in Verhandlungen im (Staatsministerium, heute Mittnachtbau) diese 9 Forderungen rigoros ab, die Richard Müller vom DMV (Metallarbeiterverband) vortrug.
Ende März Betriebsratswahlen, Sieg der Linken in Großbetrieben (Daimler 12 USP, 5 KPD von 22, Bosch 8 USP und 3 KPD)

19.3. Daimler-Arbeiter versuchen, Reichswehreinsatz im Ruhrgebiet zu verhindern, ebenso NSU, doch Mehrheit geben Sympathiestreik, 1. Mai Streik, weil Regierung Maifeiertag nicht einführen will. Putschtruppen werden gegen Arbeiter im Ruhrgebiet eingesetzt. Befehlshaber: General Haas.

6. Juni 20 Wahlen (Reichstag und Landtag) USP steigt von 6.000 auf 16.000 Mitglieder, SPD verliert ein Viertel der Mitglieder, Landtag: SPD von 34 auf 16%, USP von 3 auf 13%, KP 3%, USP im Großraum Stuttgart stärker als SPD.

Scheidemann bilanziert in seinen Memoiren:
„Der Putsch des Jahres 1920 ist dank der Energie, mit der die Arbeiterschaft sofort den Generalstreik in Anwendung brachte, bald zusammengebrochen. Trotzdem bleibt er das blamabelste Erlebnis der jungen Republik. Er hätte nach seiner Erledigung ganz andere Folgen zeitigen müssen. Das Vermögen der Putschisten wurde nicht konfisziert, wie feierlich angekündigt worden war, dagegen wurde ihnen von den kaiserlichen Richtern, die in der Republik Recht sprechen, später die Pensionen gesichert.“

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news-41742 Wed, 11 Mar 2020 13:30:14 +0100 Jugend zwischen Weltoffenheit und Populismus https://bw.rosalux.de/publikation/id/41742?cHash=b3cf9ef599acbdb10560f5ad942ab2d0 Zur SHELL-Studie Jugend 2019 Seit 1953 werden die Shell-Jugendstudien veröff entlicht und bilden einen verlässlichen Einblick in Veränderungen der Lebenswelten und Einstellungen junger Menschen zwischen 12 und 25 Jahren. Die aktuelle 18. Studie beleuchtet unter anderem, wie politische Weltsichten mit dem sozialen Status zusammenhängen oder was der Nährboden von Populismus sein kann.

Die Studie zeigt, so Erhard Korn, Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung in seiner Anlayse, dass die politische Bildung einer Stärkung bedarf. Einer Bildung, die an den konkreten Lebensbedingungen und Konflikten ansetzt und sie mit dem Ziel einer sozialen Gesellschaft verbindet. Sie stellt auch die Gewerkschaften vor die Aufgabe, bei ihren jungen Mitgliedern Solidarerfahrungen zu ermöglichen, mit ihnen zu agieren und nicht nur für sie.

Diese und weitere Einschätzungen können Sie im hier eingestellten Beitrag nachlesen. Wir danken der Redaktion der Zeitschrift bildung & wissenschaft 03/2020, der Mitgliederzeitschrift der GEW Baden-Württemberg für die freundliche Genemigung zur Veröffentlichung.

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news-41741 Wed, 11 Mar 2020 12:55:23 +0100 Links oder linksradikal? https://bw.rosalux.de/publikation/id/41741?cHash=334ffbc6d8e4d5d9c3bc61467f2029b5 Die KPD zwischen Novemberrevolution und Kapp-Putsch Nach der Niederschlagung der Januar- und Märzunruhen, der Räterepubliken in Bremen und München endete die «zweite Phase» der Novemberrevolution 1919. Viele Mitglieder der KPD wurden ermordet, verhaftet oder ohne Verfahren monatelang in Schutzhaft genommen. Mitte 1919 setzte eine «dritte Phase» ein, die ihre Ursachen in einer zunehmenden Enttäuschung über die Ergebnisse der Revolution, die Ausschaltung der Räte, die ausbleibende Sozialisierung und die schlechte Ernährungssituation hatte. Die junge KPD, von Repression bedroht und unter innerparteilichen Abspaltungsprozessen leidend, diskutierte kontrovers über ihr Verhältnis zur jungen Republik, ihre Haltung zum Parlamentarismus und zur Mitarbeit in den Gewerkschaften und über das Ausmaß an Zentralisierung und Föderalismus in der eigenen Organisation.

In dieser Gemengelage putschte der Deutschnationale Wolfgang Kapp, Generallandschaftsdirektor in Königsberg, zusammen mit General Walther von Lüttwitz unter Einsatz der Marine-Brigade Ehrhardt mit Unterstützung von Erich Ludendorff am 13. März 1920 gegen die demokratisch gewählte Reichsregierung in der Hauptstadt Berlin, die daraufhin nach Stuttgart floh. Durch einen landesweiten Generalstreik, dem sich die KPD nur zögerlich anschloss, brach der Putsch nach wenigen Tagen in sich zusammen. 

Die Führung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes ADGB unternahm in dieser Situation eine Initiative zur Bildung einer Arbeiterregierung «von den christlichen Gewerkschaften bis zur USPD» mit dem Ziel der Entwaffnung der Konterrevolution und der Bewaffnung der Arbeiter. Die Zusage einer «loyalen Opposition» zu dieser Arbeiterregierung seitens der KPD wurde wenige Tage später vom Zentralausschuss der KPD zurückgenommen, die hier mehrfach in ihren Entscheidungen schwankte. In allen Arbeiterparteien waren diejenigen zu schwach, die zur Zusammenarbeit bereit waren – auch das gegenseitige Misstrauen konnte nicht überwunden werden. Die den Gewerkschaften von der Regierung gemachten Zusagen auf Umgestaltung der Reichswehr und einen Verzicht auf ein Vorgehen gegen die Arbeiterwehren wurden nicht umgesetzt. Kaum war der Putsch beendet, marschierten die Offiziere, die sich gerade geweigert hatten, die Republik zu schützen, in Mitteldeutschland und im Ruhrgebiet ein, um die Arbeiter niederzuwerfen.

Die Chance für eine gemeinsame Politik war zumindest unmittelbar nach dem Kapp-Putsch gegeben. Natürlich bleibt fraglich, ob sie erfolgreich gewesen wäre. Noske sprach von «Gewerkschaftsdiktatur» und berief sich auf Reichswehrgeneräle; aber
er musste den Hut nehmen und die SPD rechnete auf ihrer Reichskonferenz im Mai scharf mit seiner Politik ab. Clara Zetkin wiederum, nicht frei von chiliastischen Anwandlungen, sprach von Rächern, die aus dem Blut der Gemordeten entstehen. Dass die Arbeiterparteien und Gewerkschaften einen gemeinsamen Nenner nicht finden konnten, geriet schließlich zur Tragödie.

Erhard Korn, Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg, untersucht die Ereignisse im Vorfeld, während des und nach dem Kapp-Putsch, im hier eingestellten Beitrag, der zuerst in der Zeitschrift «Sozialismus», Heft 03-2020 erschienen ist. Wir danken der Redaktion für die freundliche Genehmigung der Veröffentlichung.

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news-41740 Fri, 01 Nov 2019 11:04:00 +0100 100 Jahre Rotes Wien https://bw.rosalux.de/publikation/id/41740?cHash=388c28e01049fa3c9a5aa91bd3accf09 Ein Beispiel linker Kommunalpolitik 1919-1934 Vor hundert Jahren öffnete sich mit dem Sieg der Sozialisten bei den Kommunalwahlen 1919 in Wien die Tür für eines der «außergewöhnlichsten, kreativsten und mutigsten kommunalen Experimente der neueren europäischen Geschichte»: die Entwicklung Wiens zu einer Musterstadt linker Kommunalpolitik.

Erhard Korn, Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg, beschäftigt sich in seinem Beitrag mit diesem Experiment linker Kommunalpolitik, dem es gelungen ist bis zur gewaltsamen Beendigung im Jahre 1934 durch den österreichischen Austrofaschismus mit Hilfe eines neues Steuersystems, das die Reichen und den Luxus belastet, ein beispielloses Programm kommunalen Wohnungsbaus zu finanzieren, das bis heute Wien zu einer der lebenswertesten Großstädte mit niedrigen Mieten und hoher Wohnqualität macht. Dabei ging es nicht nur um bezahlbares Wohnen, sondern ebenso um gesundes Wohnen und eine neue Gemeinschaftlichkeit im Wohnen und Leben, die sich architektonisch in beeindruckenden Anlagen des Gemeindebaus materialisierte.

Der Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift «Sozialismus», Heft 10-2019. Wir danken der Redaktion für die freundliche Genehmigung der Veröffentlichung.

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