Publikationen https://bw.rosalux.de/ Hier finden Sie unsere Publikationen. de Copyright Sun, 17 Oct 2021 03:25:29 +0200 Sun, 17 Oct 2021 03:25:29 +0200 TYPO3 Publikationen https://bw.rosalux.de/fileadmin/sys/resources/images/dist/logos/logo_rss.jpg https://bw.rosalux.de/ 144 109 Hier finden Sie unsere Publikationen. news-45121 Sun, 03 Oct 2021 09:00:16 +0200 Ein linker Blick auf das Ergebnis der Bundestagswahl 2021 in Baden-Württemberg https://bw.rosalux.de/publikation/id/45121?cHash=bde38931db67a2118c03c7beadaa2510 Von Erhard Korn, Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg. news-44968 Fri, 10 Sep 2021 13:56:58 +0200 »Peking muss rasiert werden« https://bw.rosalux.de/publikation/id/44968?cHash=4de4beefa3b29576f74e798055e9567f Vor 120 Jahren wird das »Boxerprotokoll« unterzeichnet, mit dem der Imperialismus, allem voran der deutsche, die Chinesen für die Niederschlagung ihres Aufstands zahlen ließ. Von Erhard Korn »Peking muss rasiert werden«

Vor 120 Jahren wird das »Boxerprotokoll« unterzeichnet, mit dem der Imperialismus, allem voran der deutsche, die Chinesen für die Niederschlagung ihres Aufstands zahlen ließ


Erhard Korn

Die alliierte Invasion gegen die »Boxer« in Nordchina eröffnete im Sommer 1900 nicht nur das »Jahrhundert der Katastrophen«, sie war auch die erste multinationale Intervention zur Durchsetzung »zivilisatorischer Werte«. Die »Boxer« verkörperten in den europäischen und US-amerikanischen Darstellungen das antichristliche, grausame China, jene »gelbe Gefahr«, die in Krisensituationen stets wieder mobilisiert wurde – nach 1949 vor allem gegen die Kommunisten.

Der Sühneprinz in Berlin

Vor 120 Jahren, am 7. September 1901 endete der »Boxerkrieg«. Die »Heilige Allianz« (Rosa Luxemburg) von acht Kolonialmächten diktierte China ein ruinöses »Friedensprotokoll«. Als besondere Demütigung bestand Wilhelm II. darauf, dass ein Vertreter der chinesischen Dynastie mit einem Kotau vor ihm Abbitte leistet. Und so musste der »Sühneprinz« Chun am 4. September 1901 im Neuen Schloss in Potsdam erscheinen:

»Der Kaiser ließ sich, ohne den Helm abzunehmen, mit Marschallstabe in der Hand, auf dem Throne nieder und schaute mit tiefernster Miene dem jugendlichen Prinzen entgegen, der unter tiefer Verbeugung in der Tür des Saales erschienen war.« Nach einigem diplomatischen Geplänkel hatte Berlin auf den Kotau, also eine Verbeugung auf den Knien, verzichtet. Der Prinz drückte nach mehrmaligen tiefen Verbeugungen »sein tiefes Bedauern über die vorjährigen Ereignisse« aus. Wilhelm II. ermahnte ihn, China müsse sich gewissenhaft an »der Sitte zivilisierter Nationen« orientieren. In den nächsten Tagen wurde der Prinz als Sehenswürdigkeit in der Berliner Gesellschaft herumgereicht, die erstaunt bemerkte, dass er »die feinen Unterschiede zwischen Fisch-, Braten- und Obstbesteck aufs genaueste einhielt«. Außenminister Oswald von Richthofen betonte bei dieser Gelegenheit das Ziel, »sich nach Wiederherstellung friedlicher Verhältnisse das chinesische Reich als Absatzgebiet für die deutsche Industrie zu sichern«.¹

Öffnung erzwungen

Während China im 18. Jahrhundert auf der Grundlage einer hochentwickelten Agrikultur eine Verbesserung des Lebensstandards, eine starke Bevölkerungszunahme auf circa 360 Millionen und einen Höhepunkt der Machtentfaltung der Qing-Dynastie erlebt hatte, war das 19. Jahrhundert gekennzeichnet durch Stagnation und Verelendung. Verursacht durch die Bevölkerungszunahme lag der landwirtschaftliche Ertrag kaum über dem absoluten Existenzminimum. Um zu überleben, war die ländliche Bevölkerung auf Einkommen aus der Hausindustrie etwa bei der Baumwollverarbeitung oder im Transportwesen angewiesen.

Die Einfuhr industriell hergestellten Baumwollgarns, bald auch von Rohseide, ruinierte diese Hausindustrie, vor allem in Shantung, dem Zentrum des Baumwollanbaus, das zum Kerngebiet der »Boxerbewegung« wurde. Der Einsatz von Dampfschiffen auf den Flüssen vernichtete zudem die Existenzgrundlagen von Millionen Fuhrleuten. Gleichzeitig verursachte die Ausdehnung der Anbauflächen erhebliche ökologische Probleme, vor allem Überschwemmungen. Innere Krisenfaktoren wurden also durch die koloniale Intervention verstärkt, die jedoch als eigentliche Ursache der Krisen interpretiert wurde.

Mit den sogenannten Opiumkriegen (1840–1842 und 1856–60) hatte Großbritannien die Öffnung Chinas erzwungen. Die Hoffnung auf den chinesischen Absatzmarkt versetzte nicht nur England »in wilde Erregung«, so Karl Marx. Die Kriege entlarvten die »sich christlich drapierende und mit Zivilisation hausierende britische Regierung«, von der die »Vergiftung eines Volkes« als Geschäftsmodell betrieben wurde: Mit dem Export von in Indien produziertem Opium nach China finanzierte England seinen Teeimport.

Als chinesische Beamte britisches Opium beschlagnahmten, schickte England eine Flotte, die Küstenstädte in Schutt und Asche legte. China musste den Opiumhandel legalisieren, Handelsstützpunkte (Hongkong) abtreten, zudem immense Summen an Kriegsentschädigung aufbringen, die auf die Bevölkerung abgewälzt wurden.

Dadurch wurde die »Taiping-Revolution« (1851–1864) ausgelöst, die mit 30 Millionen Toten als blutigster Bürgerkrieg der Weltgeschichte gilt. Demütigende Niederlagen in den Kriegen mit Frankreich (1884, Abtretung Vietnams) und vor allem Japan (1894, Abtretung Taiwans), das innerhalb von 20 Jahren zum imperialen Industrieland aufgestiegen war, legten die gesellschaftliche und technologische Rückständigkeit Chinas offen. Seine Eliten gerieten in eine Zwickmühle aus Angst vor Revolution und der Entmachtung durch die Interventionsmächte.

Koloniale »Kulturpioniere«

Als »Kulturpioniere« der Kolonialpolitik wirkten die christlichen Missionare: »Je mehr das Land erschlossen wird und dem europäischen Handel zugänglich, um so mehr muss gearbeitet werden, dass die wahre Kultur, die nur mit dem Christentum aufblühen kann, Eingang findet.«² Der katholische Bischof Johann Baptist Anzer hatte den Blick Deutschlands auf die Provinz Shantung und die flottengeeignete Bucht gerichtet und die »deutsche Protektion«³ angestrebt.

Gegen die »christliche Besetzung Chinas« formierte sich allerdings auch Widerstand, etwa als Bischof Anzer 1888 seinen Sitz in Qufu, der heiligen Stadt des Konfuzius, errichten wollte. Da in der Regel Familien und Familienclans zum Christentum übertraten, entstanden im Schutz der Kolonialmächte christliche Exklaven, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdeten.

Christianisierte Chinesen mussten sich dem Ahnenkult und den dörflichen Opferritualen entziehen und wurden für Missernten und Überschwemmungen verantwortlich gemacht. Umgekehrt werteten die Missionare chinesische Vorstellungen als »Teufelsdienst« ab und sahen in den Chinesen bloß »faule Schlitzaugen« und »hinterhältige Kulis«, so Georg Stenz (1869–1928) von der Steyler Mission. Wilhelm Schmidt (1868–1954), Ausbilder von Missionspriestern der Steyler Mission, sprach von einer »Werthierarchie der Rassen«. Der missionarische war zutiefst mit einem kolonialen Überlegenheitsdünkel verbunden.

Wende zur »Weltpolitik«

Mit der Wende zur »Weltpolitik« strebte auch Deutschland einen »Platz an der Sonne an«, wie es der damalige Außenminister Bernhard von Bülow Ende 1897 formulierte. Für die Eroberungen im Fernen Osten brauchte Deutschland einen Tiefwasserhafen, der die Kriegs- und Handelsflotte mit Kohle versorgen konnte, und Admiral Alfred von Tirpitz wählte bei seinem China-Besuch 1886 die Bucht von Jiaozhou.

Der »Juye-Zwischenfall« (chinesisch Chuyeh) im November 1887 bot den erhofften Vorwand für deren Eroberung. Dort schwelte ein Konflikt um Konvertiten, die sich weigerten, für Tempelopfer zu zahlen. Am 1. November 1897 drang eine Gruppe von 20 Bewaffneten nachts in die deutsche Mission ein, raubte sie aus und stach mit Lanzen auf die zwei vorgefunden Missionare ein, während sich der Missionsleiter unentdeckt in einem Nebenraum versteckte. Zunächst wurden die Räuber verhaftet und hingerichtet, dann Mitglieder des Geheimbunds der »Gesellschaft der großen Schwerter« als »die üblichen Verdächtigen« – aufgeklärt wurde der Vorgang nie.

Der deutsche Kaiser ließ »erfreut über den Vorwand«, wie die englische Presse schrieb, die Bucht von Jiaozhou (Kiautschou) mit der Stadt Qingdao (Tsingtao) besetzen und beanspruchte die Vorherrschaft der Provinz Shantung. Die »Musterkolonie« sollte als Basis einer ökonomischen und kulturellen Durchdringung Chinas dienen.

Als Deutschland 1899 begann, eine Eisenbahn und Bergwerke zu errichten, wehrte sich die Bevölkerung. Die Linienführung erfolgte ohne angemessene Entschädigung der Bauern, ohne Absprache mit den chinesischen Behörden, ohne Rücksicht auf das Kanalsystem und Hochwassergefahren – und ohne Rücksicht auf die Ahnengräber, die im Volksglauben eine zentrale Rolle spielten. Der Widerstand wurde zwar von deutschen Kolonialtruppen blutig unterdrückt, mündete dann aber unmittelbar in die »Boxerbewegung«, die zum zentralen Akteur des Widerstands wuchs.

Gotteszorn und Staatszerfall

1889 hatte der Gelbe Fluss erneut katastrophale Überschwemmungen verursacht, Tausende Dörfer und riesige Ackerflächen zerstört, Millionen Menschen obdachlos gemacht und unvorstellbare Hungerkatastrophen ausgelöst, denen bis zu 13 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Dafür waren zwar eher Landausbau und das Versagen des Staates verantwortlich, der den Deichbau und die traditionelle Katastrophenhilfe vernachlässigte, einerseits bedingt durch Korruption, andererseits durch die Tributzahlungen an die Kolonialmächte. Doch glaubten nicht wenige, dass Entehrung von Gräbern ebenso wie der Bau von Kirchtürmen die Götter erzürnt habe.

Vor dem Hintergrund von Staatszerfall, sozialen und ökologischen Katastrophen sowie der Demütigungen durch die Kolonialmächte verdichteten sich Ängste vor Ausländern und Konvertiten zu Hass; örtliche Konflikte eskalierten zu Verfolgungen von Christen, die die einzig greifbaren Gegner für die ländliche Bevölkerung waren.

Geheimgesellschaften wie die »Geisterkämpfer«, die als Dorfmilizen Schutzfunktionen ausgeübten, trainierten einen »von Geistern gelehrten Faustkampf«. Tief verwurzelt im Volksglauben vertraten sie traditionelle Werte und eine militante Ablehnung der Christianisierung.⁴ Verschiedene Gesellschaften verschmolzen 1898 zu Yihequan, den »Fäusten vereinigt für Gerechtigkeit«, von den Europäern »Boxer« genannt, die sich später Yi Ho Tuan nannten, »Verband für Gerechtigkeit und Zusammenhalt«, eine lose und ideologisch widersprüchliche Bewegung ohne zentrale Führung. Einer der Gründer, Zhu Hongdeng (Shun Hung Döng), ein Arzt, dessen Haus durch die Überschwemmungen zerstört worden war, und der zunächst das Qing-Regime für den Verfall der Deiche verantwortlich machte, gab nun die Parole aus: »Unterstützt die Qing, Tod den Ausländern!« Angestrebt wurde keine Revolution, sondern ein Bündnis mit den Eliten.

Modern für jene Zeit waren die Mobilisierungsmittel: Mit öffentlichen Kampfspielen und Theatervorführungen konnten die »Boxer« ihre Vorstellungen den einfachen Menschen nahebringen. Frauen wurden in die Organisation eingebunden, indem sie als eigene Abteilungen der »Roten Laternen« eine anfeuernde und auch magische Rolle spielen sollten.

Die »Boxerbewegung« wuchs in den Hungerregionen schnell zu einer antikolonialen und antichristlichen Massenbewegung, die schließlich 500.000 Kämpferinnen und Kämpfer vor allem aus der dörflichen Jugend umfasste. Bis auf wenige Ausnahmen wurden nun die »imperialistischen Kirchen« in den Nordprovinzen abgebrannt und Tausende chinesische Christen umgebracht.

»Politik des großen Stocks«

Mitte Juni 1900 erreichten etwa 200.000 Yi Ho Tuan Peking (Beijing) und demonstrierten in den Straßen. Ausländische Läden, die englische Rennbahn und Kirchen wurden angegriffen, umgekehrt brüsteten sich die zur Bewachung der Botschaften anwesenden Marinesoldaten, mehrere hundert »Diebe, Boxer und kaiserliche Soldaten« abgeknallt zu haben.⁵

Besonders der deutsche Gesandte Clemens von Ketteler tat sich dabei als aktiver Befürworter der »Politik des großen Stocks« hervor. Anfang Juni verprügelte er einen »Boxer« mit dem Spazierstock und »verhaftete« einen Jungen, den er in der deutschen Botschaft »offenbar in einem Tobsuchtsanfall« erschoss.⁶ Als am 17. Juni eine Gruppe »Boxer« ihre rituellen Übungen vor der Stadtmauer abhielt, schossen er »und seine fröhlichen Mannen« auf die Chinesen »wie auf Tontauben« und richteten ein Blutbad an.⁷ Die englischen Diplomaten warfen Ketteler nicht zu Unrecht vor, die Belagerung des Gesandtschaftsviertels provoziert zu haben.

Die Kaiserwitwe Cixi ließ zunächst gegen die »Boxer« vorgehen. Als aber am 10. Juni Kolonialsoldaten auf Beijing zumarschierten und die Kolonialmächte Dagu-Forts stürmten, die den Zugang zur Stadt schützten, betrachtete Cixi dies als Kriegserklärung. Da sie die erneute Besetzung Beijings befürchtete, rief sie die Yi Ho Tuan zur Unterstützung gegen die Intervention.

Vom 20. Juni bis zum 14. August wurde das befestigte Gesandtschaftsviertel in einer Art »symbolischer Geiselnahme«⁸ belagert, wobei die »Boxer« mit Steinen, Schwertern und Lanzen angriffen, jedoch zurückgeschlagen wurden. Hunderte starben, während die reguläre Armee eher Scheinangriffe durchführte. Als Ketteler sich am 20. Juni beim chinesischen Außenministerium beschweren wollte, wurde er auf dem Weg von dem chinesischen Wachsoldaten En Hai erschossen. En Hai gab im Verhör an, es habe zuvor ein Schusswechsel stattgefunden, ausgelöst durch Ketteler selbst.

Kein Pardon

Kaiser Wilhelm hatte schon eine Woche zuvor auf Grund einer Falschmeldung über den angeblichen Tod Kettelers zum Rachefeldzug aufgerufen: »Der deutsche Gesandte wird durch meine Truppen gerächt. Peking muss rasiert werden.« Umgehend stellte er ein Expeditionskorps zusammen, bei dessen Verabschiedung er in seiner berüchtigten »Hunnenrede« zu brutalen Kriegsverbrechen aufrief: »Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, so möge der Name Deutscher in China auf 1.000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!«

Doch als das deutsche Expeditionskorps am 13. September in China ankam, waren die Kämpfe schon einen Monat zu Ende, und die Soldaten marschierten durch zerstörte und menschenleere Dörfer. Zwar hatte sich das erste internationale Expeditionskorps mit seinen rund 2.000 Mann unter Befehl des britischen Admirals Edward Hobart Seymour am 18. Juni zurückziehen müssen – die »Boxer« hatten die Bahnlinie zerstört, und auch die reguläre Armee leistete erbitterten Widerstand. Doch Anfang August hatten die Kolonialmächte eine zunächst 20.000 Soldaten umfassende zweite Eingreiftruppe in Marsch gesetzt, die Beijing am 14. August eroberte.

Die ganze Stadt wurde nun zur Brandschatzung freigegeben, ein »Volksfest des Plünderns« begann. »Jeden Tag konnte man lange Reihen von Packeseln sehen, die ganze Ladungen von Silber, Getreide und Seide aus Regierungs- und Privathäusern und den Palästen zu den Quartieren der Alliierten transportierten. Missionare ebenso wie Soldaten und Diplomaten wurden häufig beobachtet, wie sie wertvolle Gegenstände aus verlassenen Häusern hinaustrugen«, so ein britischer Zollbeamter. Erschossen wurde, wer in Verdacht stand, »Boxer« zu sein. Tempel wie die berühmte »Weiße Pagode« aus Porzellan wurden in die Luft gesprengt, um die Chinesen davon zu überzeugen, dass es »sinnlos sei, Götter zu verehren, deren Rat die ›Boxer‹ gesucht hatten«, so ein beteiligter englischer Offizier.⁹

Die »Kulturmission« der insgesamt etwa 19.000 deutschen Soldaten bestand bis in den April 1901 hinein in Strafexpeditionen gegen Orte, in denen man Aufständische vermutete. »Alles, was leicht wegzuschleppen war, wurde fortgetragen.« Es wurde, so die Kolonialisten, »alles niedergemetzelt, was uns in die Finger kam, dabei wurden weder Weib noch Kind verschont. Gegen Abend brannten wir die ganze Stadt nieder. Ich sah an diesem Tag eher einem Metzger als einem deutschen Soldaten ähnlich.«¹⁰
Propagandakrieg

Begleitet wurde die Intervention in Deutschland von einem Propagandakrieg. Falschmeldungen – wie jene vom 16. Juni, alle im Gesandtschaftsviertel seien ermordet worden – schürten Hass. Propagandapostkarten und Sammelbilder ebenso wie Abenteuerliteratur verbreiteten ein Bild vom hinterhältigen Chinesen. Die Kirchen förderten eine Märtyrerliteratur, die zum Kreuzzug gegen die »gelbe Gefahr« aufrief, die tatsächlichen Konflikte aber verdeckte. Innenpolitisch gelang durch die Propagierung der Missionspolitik die Einbindung der katholischen Zentrumspartei: Nach zweimaligem Scheitern wurde dadurch das Tirpitzsche Flottengesetz im März 1898 verabschiedet.

Erst die Veröffentlichung der »Hunnenbriefe« genannten Feldpostbriefe mit authentischen Schilderungen der Greueltaten in der linken Presse setzten einen Kontrapunkt zu Kolonialpropaganda und Märtyrerlegenden. Verantwortliche Journalisten wurden jedoch mit der Begründung zu Gefängnisstrafen verurteilt, die Briefe – ebenso wie die Karikaturen im Wahren Jacob – seien geeignet, »das Ansehen der deutschen Armee zu schädigen«.

Als im November 1900 der Reichstag wieder zusammentrat, nutzte August Bebel dies für eine viel beachtete Generalabrechnung. Erstaunlich kenntnisreich analysierte er die zum »Boxerkrieg« führenden Provokationen, etwa die Schüsse der Botschaftswachen auf »Boxer«, ausführlich zitierte er aus den Hunnenbriefen, in denen es heißt, Gefangene seien hingerichtet worden »indem man sie mit den Zöpfen aneinanderband, sie vorher zwang, ihr Grab zu schaufeln, worauf sie erschossen wurden und rückwärts in das Grab fielen«.

Er kritisierte den Eroberungskrieg, die »souveräne Verachtung« der Chinesen wie auch die scheinheilige Benutzung der Religion als »Deckmantel politischer Bestrebungen« und verlangte unter dem Gelächter des hohen Hauses (gelacht wurde im Lager der Rechten) die gleichberechtigte Anerkennung Chinas. Allein die Sozialdemokratie stimmte am Schluss gegen die Etatvorlage.

Im September 1900 sollte sich der Mainzer Parteitag der SPD erstmals ausführlich mit der deutschen »Weltpolitik« befassen, doch die beschlossene Protestbewegung gegen »Raub- und Eroberungspolitik« blieb Papier – trotz Rosa Luxemburgs Appell an den Parteitag und ihrer Reden Ende 1900. Die grundsätzliche Ablehnung der Kolonialpolitik wurde von Vertretern des rechten Flügels wie dem kolonialpolitischen Sprecher Gustav Noske zunehmend unterlaufen. Noske stellte sich dar als ideologiefreier Realpolitiker, repräsentierte bei genauem Hinsehen aber das lähmende Umsichgreifen sozialimperialistischer Positionen in der SPD. Als er 1912 sogar der Finanzierung der deutschen Truppen in Kiautschou mit der Begründung zustimmte, deutsche Staatsbürger müssten geschützt werden, war dies schon ein Menetekel der Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914.

Früher Volkskrieg

Die Siegesparade der »Heiligen Allianz« konnte nur kurz darüber hinwegtäuschen, dass die Mission politisch gescheitert war. Den Alliierten wurde durch den »Volkskrieg« der Yi Ho Tuan deutlich, dass eine Aufteilung Chinas »Krieg bedeuten und eine große stehenden Armee verlangen« würde.¹¹ Dazu sah sich keine der Mächte in der Lage. Zudem zeichnete sich ab, wie schnell sich ein Krieg gegen China zu einem Krieg um China auswachsen könnte: Kaum drei Jahre später überfiel Japan Port Arthur und vertrieb Russland aus seinen gerade erst eroberten chinesischen Gebieten.

Der »Boxerkrieg« offenbarte aber auch die Schwäche der Qing-Dynastie. 1911 bildete Sun Yat-sen eine republikanische Regierung, die aber schon nach wenigen Wochen durch eine Militärdiktatur ersetzt wurde. China zerfiel in Einflussgebiete von Warlords. 1919 hofften patriotische Studenten auf das von US-Präsident Woodrow Wilson versprochene Selbstbestimmungsrecht der Nationen. Als aber im Versailler Vertrag die deutschen Konzessionsgebiete an Japan übergeben wurden, setzte die enttäuschte Jugend ihre Hoffnungen auf die russische Revolution, die auf alle Ansprüche auf chinesisches Gebiet verzichtete – und auf den Kommunismus, der in China mit der nationalen Befreiung verwoben wurde.

Die ein Jahrhundert dauernde Ohnmacht gegenüber den »Kulturmissionen« des Westens bleibt eine traumatische Erfahrung Chinas. Wenn sich Nationen, wie die Historikerin Birgit Aschmann sagt, über das definieren, woran sie sich gemeinsam erinnern, und über das, was sie gemeinsam vergessen, dann wäre allerdings auch die deutsche Politik gut beraten, sich an die barbarische Intervention im »Boxerkrieg« zu erinnern, bevor sie erneut Kampfschiffe vor Chinas Küste schickt.

Anmerkungen

1 Vgl.: Egbert Kieser: Als China erwachte. Esslingen und München 1984, S. 322 ff.
2 Georg M. Stenz: Erlebnisse eines Missionars in China. Trier 1899, S. 86
3 Karl J. Rivinius: Imperialistische Welt- und Missionspolitik: der Fall Kiautschou. In: Klaus J. Bade (Hrsg.): Imperialismus und Kolonialmission. Wiesbaden 1984, S. 277
4 Vgl. Paul A. Cohen: History in three Keys. The Boxers as Event, Experience and Myth. New York 1997, S. 23 und 30
5 Mechthild Leutner, Klaus Mühlhahn: Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900–1901. Berlin 2007, S. 105
6 Heinz-Jürgen Trütken-Kirsch: Gesandter im Dienste Seiner Majestät. Zur politischen Instrumentalisierung des Clemens von Ketteler (1853–1900). Westfälische Zeitschrift 164, 2014, S. 71
7 Susanne Kuß, Bernd Martin: Das Deutsche Reich und der Boxeraufstand. München 2002, S. 85
8 Mechthild Leutner, Klaus Mühlhahn: Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900–1901. Berlin 2007, S. 108
9 Vgl.: Richard O’Connor: Der Boxeraufstand. München 1980, S. 246 ff.
10 Mechthild Leutner, Klaus Mühlhahn: Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900–1901. Berlin 2007, S. 124
11 Richard O’Connor (1980): Der Boxeraufstand. München 1980, S. 274

Erhard Korn ist Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg und aktiv im Vorstandsbereich Grundsatzfragen der GEW Baden-Württemberg. Der Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in der Tageszeitung Junge Welt vom 04.09.2021. Wir danken für die Genehmigung zur Verwendung des Textes.

Den Artikel finden Sie unter: https://www.jungewelt.de/artikel/409750.kolonialismus-peking-muss-rasiert-werden.html
(c) Junge Welt 2021

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news-43454 Thu, 03 Dec 2020 13:27:30 +0100 «Je suis Samuel?» Islamistische und faschistische Bedrohungsallianzen https://bw.rosalux.de/publikation/id/43454?cHash=de152e7054ab94c4db74e911de242a42 Eine Analyse von Erhard Korn, Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg Dschihadismus und Faschismus sind reaktionäre und antidemokratische Bewegungen, die sowohl historisch als auch aktuell ihren Aufstieg Niederlagen der Linken verdanken: der historische Faschismus «einem gescheiterten Ansturm des Proletariats und der darauffolgenden Enttäuschung der Arbeiterklasse, die Bourgeoisie erschöpft» (Thalheimer 1930/1981: 40), die ägyptischen Muslimbrüder dem Scheitern der säkular-sozialistischen Modernisierungsdiktaturen in der Nachfolge Nassers.

Die Herstellung «neuer Solidaritäten» (Pierre Bourdieu) bleibt der Kern linker Politik. Die «Entprekarisierung der Unterklasse» (Reckwitz 2019: 132) dürfte eine Voraussetzung für die Bekämpfung des Islamismus sein – durch gewerkschaftliche Organisation, sozialpolitische Maßnahmen und eine inklusive Bildungspolitik.

Die Analyse erschien zuerst in der Zeitschrift «Sozialismus» 12/2020. Wir danken für die Erlaubnis zur Verwendung des Textes.

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news-41810 Mon, 23 Mar 2020 11:51:55 +0100 100 Jahre Kapp-Putsch, 100 Jahre «Stuttgarter Republik» https://bw.rosalux.de/publikation/id/41810?cHash=065fb2eb808519e7c0e3d519d0fe6c5d Der Vorsitzende der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg Erhard Korn berichtet in Tagebuchform die Geschehnisse von vier Tagen «Stuttgarter Republik» als die Reichsregierung 1920 in Folge des Kapp-Putsches nach Stuttgart floh.

Vier Tage «Stuttgarter Republik»
«Tagebuch» zum Kapp-Putsch in Stuttgart und Württemberg

Samstag, 13.03.1920

Putsch – Einmarsch der Marinebrigade Ehrhardt (Baltikums-Freikorps) mit Hakenkreuzen am Stahlhelm in Berlin – Besetzung ohne Widerstand, Oberbefehl General von Lüttwitz.
Die Gewerkschaften und die Regierung rufen in Berlin den Generalstreik aus.
Flucht der Regierung in PKW wenige Minuten vor Besetzung des Regierungsviertels, Inspirator Ludendorff wollte die Regierung eigentlich «baumeln sehen»,
Flucht nach Dresden, dort unsichere Haltung des kommandierenden Generals Maerker.
Noch am 12.3. hatte Noske versucht, angesichts von Putschgerüchten die Reichswehr hinter sich zu bringen, Reichswehrchef Hans von Seeckt: «Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr», er steht zur Republik «mit dem Ekel im Herzen und dem Fluch auf der Zunge», zu den Republikgegnern: «Im Ziel waren wir uns einig; nur in den Wegen dorthin unterschieden wir uns.»

Der Vorsitzende des Ludwigsburger Soldatenrats Ernst Reiner hatte Noske gewarnt. In einem Brief an den württembergischen Staatspräsidenten Blos vom 13.3.20 verweist er auf einen Brief an Reichswehrminister Noske, in dem er geschrieben hatte: «Ich sage Ihnen bestimmt, dass die heutigen Offiziere nur den Augenblick abwarten, in dem eine Abschwenkung für sie günstig wäre. Die Offiziere sind mit verflucht wenigen Ausnahmen nach wie vor Monarchisten und alle gegenteiligen Versicherungen sind Heuchelei.» Die Soldatenräte hatten verlangt, dass sie als Kontrollorgane gegen die reaktionären Offiziere beibehalten werden sollten. Noske hatte ihre Abschaffung durchgesetzt und den Reaktionären so freie Hand geschaffen.

In Stuttgart lässt der kommandierende General Haas am 13.3. seine Offiziere abstimmen. Fast alle sind für den Putsch, die Mannschaften allerdings stellen sich dagegen.
Führer der Stuttgarter Einwohnerwehren verlangen morgens von Leutnant Paul Hahn, dem Befehlshaber der Polizeiwehr, eine Unterstützung des Putsches. Er droht mit Verhaftung und wird zur Schlüsselfigur für das Scheitern des Putsches in Württemberg.

13.03.1920 nachmittags USPD-Protestversammlung in Rollschuhbahn (Neckarstraße 288) gegen den Putsch, gegen Streik, für Entwaffnung der Gegenrevolution und für Bewaffnung Proletariat,
Am Abend stimmt der SPD-Landesvorstand gegen Generalstreik (unnötig)

Sonntag, 14.03.1920

Die Württembergische Bürgerpartei (der württembergische Ableger der Deutschnationalen Volkspartei) lässt heimlich Flugblätter zur Unterstützung des Kapp-Putsches drucken, die von der Polizei beschlagnahmt werden. Darin heißt es «Wo sich Truppen (der Putschisten) zeigen, wurden sie entblößten Hauptes mit vaterländischen Liedern empfangen. Die Erwerbsstände begrüßen die Befreiung von der Zwangswirtschaft mit Jubel.» 1924 wurde Wilhelm Bazille, Chef der Bürgerpartei, der die Weimarer Verfassung abgelehnt und den Kapp-Putsch unterstützt hatte, württembergischer Staatspräsident.
In Dresden weigerte sich der kommandierende General Maerker, die Reichsregierung zu schützen: «Truppe schießt nicht auf Truppe.» Da auch Weimar in der Hand von Putschisten ist und in Bayern die Regierung Hoffmann (SPD) vor der Absetzung steht, beschließt die Regierung unter Ebert die Flucht nach Stuttgart, wo sie am 15.3. mittags ankommt.

Montag, 15.03.1920

Im Reich greift der Aufruf zum Generalstreik. Etwa 12 Millionen Menschen streiken und isolieren die Putschisten – der größte Generalstreik, den es hierzulande je gegeben hat.
13 Uhr Ankunft Regierung in Stuttgart, Noske übernimmt Oberbefehl Sicherheitskräfte, beauftragt Leutnant Hahn mit der Sicherung.
In Stuttgart nachmittags Versammlung Betriebsräte aller 3 Arbeiterparteien, die einen Generalstreik ab Dienstag, 16.3.beschließen (2 Tage) und einen provisorischen Ausschuss des Arbeiterrats Groß-Stuttgart bilden. Ausnahme Fernzüge, damit Abgeordnete zur Sitzungen kommen können
Die Forderung nach Bewaffnung der Arbeiter wird von der Landesregierung abgelehnt.

Die (württembergische) KPD klagt in ihrem Aufruf zum Generalstreik die «Blutschuld und den Verrat an der proletarischen Revolution durch die Ebert-Noske-Leute» an und schreibt: «Der Generalstreik ist deshalb ein Protest nicht nur gegen die Kapp-Lüttwitz-Ludendorff, sondern auch gegen die bürgerliche Demokratie. Absolutistisch-militaristische Monarchie wie die bürgerlich-sozialdemokratische Demokratie, beide sind Feinde des schaffenden Volkes.»

Die badische Regierung schreibt in einem Telegramm an den Reichsinnenminister in Stuttgart: «Gefahr von rechts nicht vorhanden: dagegen hat sich die lage durch lebhafte agitation von USP und KPD auf auslieferung von waffen an proletariat und bildung von arbeiterbataillonen verschaerft.»

15.3.Staatspräsident Blos: «Als wir über den Bahnsteig nach dem Hotel Marquart schritten, entblößte die zahlreich Spalier bildenden Bevölkerung schweigend achtungsvoll das Haupt. Im Hotel wurde der Wunsch laut, im Schloss einquartiert zu werden «Schloss, Schloss», tönte es durch die Unterhaltung bei Tische.

Pressekonferenz Reichskanzler Gustav Bauer (musste wie Noske nach dem Putsch zurücktreten).
«Bauer führte aus, dass die Regierung habe Blutopfer vermeiden wollen, deswegen habe sie Berlin verlassen. Die Reichswehr sei zu erheblichen Teilen nicht geneigt, den gewaltsamen Umsturz mitzumachen. Die württembergische Reichswehr, die Wehrkommandos in Kassel, Münster und München stünden auf dem Boden der Reichsverfassung.»
In Wirklichkeit schon viel, wenn Putsch nicht aktiv unterstützen (Maerker: «nichts gegen Verfassung tun») Fritz Elsas: Besprechungen mit Sozialdemokraten und Demokraten: «innenpolitische Säuberung der höheren Staatsbeamtenschaft“ notwendig, «offensichtliches Versagen Noskes», «Verbindungen der Putschisten in Bürgerpartei, in Professoren- und Korporationskreise hinein.»
Osten Deutschlands in Hand der Putschisten.

«Überall wo die Reichswehr sich als aufrührerisch erwiesen hat, ist sie von der Arbeiterschaft und den Linksstehenden niedergeschlagen und entwaffnet worden.» (Tagebuch Elsas)
Militär nicht eindeutig, Generalmajor Haas, der Oberbefehlshaber in Stuttgart, lässt Offiziere abstimmen: Offiziere für Kapp, Mannschaften geschlossen dagegen. «Der Not dieser Tatsachen folgend“, so Hahn, stellte sich Haas hinter die Regierung. Innenminister Heymann verlangt seine Verhaftung.
General Haas bezeichnet Parlamentarier als Schwätzer, lehnt Wahlen ab, unterstützt parlamentarische Republik nur, um «Spartakus und roten Schrecken» zu verhindern.
General Haas mobilisiert Studentenkompanien in Tübingen für Marsch nach Stuttgart – ohne Zuständigkeit und gegen Anordnung Leutnant Haas, verlangt Belagerungszustand und Kommando über Einwohnerwehren. In München wird auf diese Weise der SPD-Ministerpräsident gestützt.

Dienstag, 16.03.1920

Vertrauensleuteversammlung der Stuttgarter Betriebe im (alten) Gewerkschaftshaus (Esslinger Straße, heute Parkhaus Breuninger) Aufruf zum Generalstreik.
Wilhelm Blos (SPD) bezeichnet den Generalstreik am 16.3. im Landtag als «nicht böse gemeint» aber überflüssig, verwahrte sich aber gegen den Einfluss der Gewerkschaften als «Nebenregierung».
Die Beendigung des Generalstreiks wird von den Gewerkschaften und Beamtenverbänden am 18.3. an Bedingungen geknüpft, die in 9 Punkten formuliert und verhandelt werden:
Demokratisierung von Verwaltung und Reichswehr, Einfluss der Gewerkschaften, Sozialisierung Schwerindustrie, Auflösung konterrevolutionärer Formationen, Bestrafung Putschisten, Rücktritt Noskes werden von Vertretern der Reichsregierung, der preußischen Regierung und der Koalitionsparteien am 20.3. versprochen, dafür brechen Gewerkschaften und Beamtenverbände den Generalstreik ab. Die Zusagen werden aber später nicht eingehalten.
Legien (SPD-MdR), der Führer des ADGB, verhandelt mit SPD, USP, KPD Zentrum und Gewerkschaften/Arbeitnehmerverbänden über eine «Arbeiterregierung».
Staatspräsident Blos lehnt am 27.3. in Verhandlungen im (Staatsministerium, heute Mittnachtbau) diese 9 Forderungen rigoros ab, die Richard Müller vom DMV (Metallarbeiterverband) vorträgt. Die Enttäuschung ist groß. In der Folge verliert die SPD massiv an Mitgliedern und Zustimmung:
Ende März Betriebsratswahlen, Sieg der Linken in den Großbetrieben (Daimler 12 USP, 5 KPD von 22, Bosch 8 USP und 3 KPD)
19.3. Daimler-Arbeiter versuchen, Reichswehreinsatz im Ruhrgebiet zu verhindern, ebenso NSU, doch Mehrheit geben Sympathiestreik, 1. Mai Streik, weil Regierung Maifeiertag nicht einführen will.
6. Juni 20 Wahlen (Reichstag und Landtag) USP steigt von 6.000 auf 16.000 Mitglieder, SPD verliert ein Viertel der Mitglieder, Landtag: SPD von 34 auf 16%, USP von 3 auf 13%, KP 3%, USP im Großraum Stuttgart stärker als SPD.

Mittwoch, 17.03.2020

Mit einem Sonderzug schicken die Putschisten Vermittler wie General Maerker nach Stuttgart. Das Scheitern wird offensichtlich. Lüttwitz und Kapp treten zurück, die Putschisten ziehen sich langsam aus Berlin zurück.
Reichsinnenminister Koch bezeichnet vor der Presse im Alten Schloss den Putsch in Schlesien als wohlorganisiert, die Situation in Ostdeutschland als unübersichtlich. Als Zeuge berichtet Fritz Elsas: „Koch musste den Satz aussprechen:

Überall wo die Reichswehr sich als aufrührerisch erwiesen hat, ist sie von der Arbeiterschaft und den Linksstehenden niedergeschlagen und entwaffnet worden.“

Im Alten Schloss tagt der Reichsrat (die Länderkammer) unter Beteiligung des Reichspräsidenten Ebert und verurteilt den Putsch. Reichsaußenminister Müller, der künftige Reichskanzler, betont, dass Kompromisse mit den Siegermächten nur möglich seien, wenn die Meuterei beendet werde.
General Haas verlangt am 17.3. 20 in einem Brief an Staatspräsident Blos die Verhängung Belagerungszustand und die Einberufung der nationalistisch dominierten Stuttgarter Einwohnerwehr sowie den Einsatz der ebenso nationalistischen Tübinger Studenten vorgeblich gegen „Räterepubliken“. Der Befehlshaber der Polizeiwehr Otto Hahn, der Haas abhören lässt, lehnt ab, da er nicht ohne Grund ein Vorgehen des Tübinger Studentenbataillons gegen Reichsregierung in Stuttgart befürchtet, die dem Putsch durch die Verhaftung der Regierung im Alten Schloss noch zum Erfolg verhelfen wollen.
Hahn stützt sich auf seine Polizeiwehr und die Stuttgarter Studentenkompanien unter Carlo Schmidt und Eberhard Wildermuth, die später als Minister eine wichtige Rolle spielen werden.

Donnerstag, 18.03.2020

4:00 Uhr 156. Sitzung der Nationalversammlung Kunstgebäude am Stuttgarter Schlossplatz, Begrüßung Präsident Fehrenbach
Rede Staatspräsident Blos (SPD): „Dieser Staatsstreich, der durch die Energie der Regierung vereitelt worden ist, wird das deutsche Volk von neuem zusammenschweißen und wird es ermuntern, allen reaktionären Mächten den äußersten Widerstand zu leisten.“ Anders als 1849, als die deutsche Nationalversammlung nach Stuttgart fliehen musste und von einer „zweideutigen Regierung“ gesprengt wurde.
Den Generalstreik bezeichnete er am 16.3. im Landtag als „nicht böse gemeint“ aber überflüssig (137), verwahrte sich aber gegen den Einfluss der Gewerkschaften als „Nebenregierung“.

Denkwürdige Rede Scheidemann (Fraktionsvorsitzender SPD), klagte massiv die antirepublikanische Entwicklung und den reaktionär-monarchistischen Geist in der Reichswehr und damit das Versagen des Reichswehrministers Noske an.

„Aber die Arbeiterschaft sollte auch nicht vergessen, dass der Sieg nur errungen werden konnte von einer geschlossen kämpfenden Arbeiterschaft. Daraus müssen die Arbeiter ihre Lehren ziehen. Solange sie nicht- was ich bedaure – ein gemeinsames Ziel haben, müssen sie wenigstens das zu sichern wissen, was gemeinsam errungen, was gemeinsam erkämpft worden ist und auch – von Etappe zu Etappe – das erkämpfen, was ihr gemeinsames Ziel sein kann.“

Er verwies auf die Bedeutung des Generalstreiks und der Kämpfe gegen die Putschisten: „Hut ab vor denen, die für die Freiheit gekämpft haben und gestorben sind“ und verlangte eine gründliche Säuberung der Reichswehr. Er schloss mit den Worten „Es lebe die Demokratie, die die Grundmauer der Republik ist, die Demokratie, die uns zum Sozialismus führen soll.“
In der SPD-Fraktion verlangt er den Rücktritt Noskes, was diese auf Intervention von Ebert ablehnt.
Wenige Tage später müssen Bauer und Noske gehen.
Nach der Sitzung Einladung der Reichsregierung und des Reichspräsidenten durch Bürgermeister Lautenschlager in den Ratskeller zum Abschiedsessen: ein Weckle, zwei Saitenwürstle, Karoffelsalat.

Freitag, 19.03.2020

Im Alten Schloss tagt die SPD-Reichstagsfraktion. Unter Anwesenheit der sozialdemokratischen Regierungsmitglieder. Ebert berichtet von den Verhandlungen mit dem Gewerkschaftsvorsitzenden Legien in Berlin.
Die Beendigung des Generalstreiks wird von den Gewerkschaften und Beamtenverbänden am 18.3. an Bedingungen geknüpft, die in 9 Punkten formuliert und verhandelt werden:

Demokratisierung von Verwaltung und Reichswehr, Einfluss der Gewerkschaften, Sozialisierung Schwerindustrie, Auflösung konterrevolutionärer Formationen, Bestrafung Putschisten, Rücktritt Noskes, der Vertreter der Reichsregierung, der preußischen Regierung und der Koalitionsparteien am 20.3. weitgehend zustimmen.

Legien (SPD-MdR), der Führer des ADGB, verhandelt mit SPD, USP, KPD Zentrum und Gewerkschaften/Arbeitnehmerverbänden über eine „Arbeiterregierung“.
Die Forderung nach Noskes Rücktritt wird von Ebert verschwiegen, die Fraktion ersucht Noske, im Amt zu bleiben.

Anschließend berichtet Ebert in einer Kabinettsitzung im Schloss von den Verhandlungen mit den Gewerkschaften. Es wird eine Kommission bestellt, die mit den Gewerkschaften verhandeln soll.
Nach der Kabinettsitzung erneut Fraktionsversammlung der SPD. Scheidemann klagt Ebert und Noske an, die der Fraktion die Putschpläne von Lüttwitz verschwiegen und Lüttwitz nach der Ankündigung des Putsches nicht verhaftet hätten. Scheidemann: Das Steuer muss nach links geschissen werden. Er betont die Richtigkeit der Forderungen der Gewerkschaften.
Der württembergische Staatspräsident Blos (SPD) lehnte am 27.3. in Verhandlungen im (Staatsministerium, heute Mittnachtbau) diese 9 Forderungen rigoros ab, die Richard Müller vom DMV (Metallarbeiterverband) vortrug.
Ende März Betriebsratswahlen, Sieg der Linken in Großbetrieben (Daimler 12 USP, 5 KPD von 22, Bosch 8 USP und 3 KPD)

19.3. Daimler-Arbeiter versuchen, Reichswehreinsatz im Ruhrgebiet zu verhindern, ebenso NSU, doch Mehrheit geben Sympathiestreik, 1. Mai Streik, weil Regierung Maifeiertag nicht einführen will. Putschtruppen werden gegen Arbeiter im Ruhrgebiet eingesetzt. Befehlshaber: General Haas.

6. Juni 20 Wahlen (Reichstag und Landtag) USP steigt von 6.000 auf 16.000 Mitglieder, SPD verliert ein Viertel der Mitglieder, Landtag: SPD von 34 auf 16%, USP von 3 auf 13%, KP 3%, USP im Großraum Stuttgart stärker als SPD.

Scheidemann bilanziert in seinen Memoiren:
„Der Putsch des Jahres 1920 ist dank der Energie, mit der die Arbeiterschaft sofort den Generalstreik in Anwendung brachte, bald zusammengebrochen. Trotzdem bleibt er das blamabelste Erlebnis der jungen Republik. Er hätte nach seiner Erledigung ganz andere Folgen zeitigen müssen. Das Vermögen der Putschisten wurde nicht konfisziert, wie feierlich angekündigt worden war, dagegen wurde ihnen von den kaiserlichen Richtern, die in der Republik Recht sprechen, später die Pensionen gesichert.“

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news-41742 Wed, 11 Mar 2020 13:30:14 +0100 Jugend zwischen Weltoffenheit und Populismus https://bw.rosalux.de/publikation/id/41742?cHash=b3cf9ef599acbdb10560f5ad942ab2d0 Zur SHELL-Studie Jugend 2019 Seit 1953 werden die Shell-Jugendstudien veröff entlicht und bilden einen verlässlichen Einblick in Veränderungen der Lebenswelten und Einstellungen junger Menschen zwischen 12 und 25 Jahren. Die aktuelle 18. Studie beleuchtet unter anderem, wie politische Weltsichten mit dem sozialen Status zusammenhängen oder was der Nährboden von Populismus sein kann.

Die Studie zeigt, so Erhard Korn, Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung in seiner Anlayse, dass die politische Bildung einer Stärkung bedarf. Einer Bildung, die an den konkreten Lebensbedingungen und Konflikten ansetzt und sie mit dem Ziel einer sozialen Gesellschaft verbindet. Sie stellt auch die Gewerkschaften vor die Aufgabe, bei ihren jungen Mitgliedern Solidarerfahrungen zu ermöglichen, mit ihnen zu agieren und nicht nur für sie.

Diese und weitere Einschätzungen können Sie im hier eingestellten Beitrag nachlesen. Wir danken der Redaktion der Zeitschrift bildung & wissenschaft 03/2020, der Mitgliederzeitschrift der GEW Baden-Württemberg für die freundliche Genemigung zur Veröffentlichung.

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news-41741 Wed, 11 Mar 2020 12:55:23 +0100 Links oder linksradikal? https://bw.rosalux.de/publikation/id/41741?cHash=334ffbc6d8e4d5d9c3bc61467f2029b5 Die KPD zwischen Novemberrevolution und Kapp-Putsch Nach der Niederschlagung der Januar- und Märzunruhen, der Räterepubliken in Bremen und München endete die «zweite Phase» der Novemberrevolution 1919. Viele Mitglieder der KPD wurden ermordet, verhaftet oder ohne Verfahren monatelang in Schutzhaft genommen. Mitte 1919 setzte eine «dritte Phase» ein, die ihre Ursachen in einer zunehmenden Enttäuschung über die Ergebnisse der Revolution, die Ausschaltung der Räte, die ausbleibende Sozialisierung und die schlechte Ernährungssituation hatte. Die junge KPD, von Repression bedroht und unter innerparteilichen Abspaltungsprozessen leidend, diskutierte kontrovers über ihr Verhältnis zur jungen Republik, ihre Haltung zum Parlamentarismus und zur Mitarbeit in den Gewerkschaften und über das Ausmaß an Zentralisierung und Föderalismus in der eigenen Organisation.

In dieser Gemengelage putschte der Deutschnationale Wolfgang Kapp, Generallandschaftsdirektor in Königsberg, zusammen mit General Walther von Lüttwitz unter Einsatz der Marine-Brigade Ehrhardt mit Unterstützung von Erich Ludendorff am 13. März 1920 gegen die demokratisch gewählte Reichsregierung in der Hauptstadt Berlin, die daraufhin nach Stuttgart floh. Durch einen landesweiten Generalstreik, dem sich die KPD nur zögerlich anschloss, brach der Putsch nach wenigen Tagen in sich zusammen. 

Die Führung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes ADGB unternahm in dieser Situation eine Initiative zur Bildung einer Arbeiterregierung «von den christlichen Gewerkschaften bis zur USPD» mit dem Ziel der Entwaffnung der Konterrevolution und der Bewaffnung der Arbeiter. Die Zusage einer «loyalen Opposition» zu dieser Arbeiterregierung seitens der KPD wurde wenige Tage später vom Zentralausschuss der KPD zurückgenommen, die hier mehrfach in ihren Entscheidungen schwankte. In allen Arbeiterparteien waren diejenigen zu schwach, die zur Zusammenarbeit bereit waren – auch das gegenseitige Misstrauen konnte nicht überwunden werden. Die den Gewerkschaften von der Regierung gemachten Zusagen auf Umgestaltung der Reichswehr und einen Verzicht auf ein Vorgehen gegen die Arbeiterwehren wurden nicht umgesetzt. Kaum war der Putsch beendet, marschierten die Offiziere, die sich gerade geweigert hatten, die Republik zu schützen, in Mitteldeutschland und im Ruhrgebiet ein, um die Arbeiter niederzuwerfen.

Die Chance für eine gemeinsame Politik war zumindest unmittelbar nach dem Kapp-Putsch gegeben. Natürlich bleibt fraglich, ob sie erfolgreich gewesen wäre. Noske sprach von «Gewerkschaftsdiktatur» und berief sich auf Reichswehrgeneräle; aber
er musste den Hut nehmen und die SPD rechnete auf ihrer Reichskonferenz im Mai scharf mit seiner Politik ab. Clara Zetkin wiederum, nicht frei von chiliastischen Anwandlungen, sprach von Rächern, die aus dem Blut der Gemordeten entstehen. Dass die Arbeiterparteien und Gewerkschaften einen gemeinsamen Nenner nicht finden konnten, geriet schließlich zur Tragödie.

Erhard Korn, Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg, untersucht die Ereignisse im Vorfeld, während des und nach dem Kapp-Putsch, im hier eingestellten Beitrag, der zuerst in der Zeitschrift «Sozialismus», Heft 03-2020 erschienen ist. Wir danken der Redaktion für die freundliche Genehmigung der Veröffentlichung.

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news-41740 Fri, 01 Nov 2019 11:04:00 +0100 100 Jahre Rotes Wien https://bw.rosalux.de/publikation/id/41740?cHash=388c28e01049fa3c9a5aa91bd3accf09 Ein Beispiel linker Kommunalpolitik 1919-1934 Vor hundert Jahren öffnete sich mit dem Sieg der Sozialisten bei den Kommunalwahlen 1919 in Wien die Tür für eines der «außergewöhnlichsten, kreativsten und mutigsten kommunalen Experimente der neueren europäischen Geschichte»: die Entwicklung Wiens zu einer Musterstadt linker Kommunalpolitik.

Erhard Korn, Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg, beschäftigt sich in seinem Beitrag mit diesem Experiment linker Kommunalpolitik, dem es gelungen ist bis zur gewaltsamen Beendigung im Jahre 1934 durch den österreichischen Austrofaschismus mit Hilfe eines neues Steuersystems, das die Reichen und den Luxus belastet, ein beispielloses Programm kommunalen Wohnungsbaus zu finanzieren, das bis heute Wien zu einer der lebenswertesten Großstädte mit niedrigen Mieten und hoher Wohnqualität macht. Dabei ging es nicht nur um bezahlbares Wohnen, sondern ebenso um gesundes Wohnen und eine neue Gemeinschaftlichkeit im Wohnen und Leben, die sich architektonisch in beeindruckenden Anlagen des Gemeindebaus materialisierte.

Der Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift «Sozialismus», Heft 10-2019. Wir danken der Redaktion für die freundliche Genehmigung der Veröffentlichung.

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