Dokumentation https://bw.rosalux.de/ Hier finden Sie unsere Dokumentationen. de Copyright Sat, 24 Jan 2026 22:41:03 +0100 Sat, 24 Jan 2026 22:41:03 +0100 TYPO3 Dokumentation https://bw.rosalux.de/_assets/bcaf2df31b3031c02e4bdc5e5aed5a50/Images/Dist/Logos/logo_rss.jpg https://bw.rosalux.de/ 144 109 Hier finden Sie unsere Dokumentationen. news-54074 Tue, 02 Dec 2025 11:51:00 +0100 Labour Environmentalism https://bw.rosalux.de/dokumentation/id/54074 Internationale Konferenz zu Perspektiven und Strategien gegen die fossile Gegenoffensive, Militarisierung und Faschisierung Um der sich zuspitzenden sozial-ökologischen Krise noch begegnen zu können, ist eine grundlegend andere Organisation von Arbeit, Produktion und sozialer Reproduktion unerlässlich. Ohne neue internationale Allianzen zwischen Arbeiter*innen-, Umwelt- und feministischen Bewegungen, NGOs und transformativen Gruppen in verschiedenen Organisationen ist dies nicht zu erreichen. Diese Allianzen zu bilden, ist jedoch eine enorme Herausforderung, denn weltweit sehen sich emanzipatorische Akteure mit rückschrittlichen Entwicklungen konfrontiert: Fossile Kapitalfraktionen verspüren ebenso Aufwind wie autoritäre oder gar faschistische Kräfte; auf fossilen Lebensweisen basierende Subjektivitäten und traditionelle (männliche) Identitäten werden gestärkt; geopolitische Spannungen verschärfen sich und entladen sich in Kriegen; die Produktion von Waffen, die auch ohne deren Einsatz in Kriegen sehr ressourcen- und emissionsintensiv ist, wird massiv ausgeweitet; und Interessengegensätze zwischen Arbeiter*innen und Ökologie nehmen zu – nicht nur aufgrund fossiler Abhängigkeiten, sondern auch weil dominante Politiken der ökologische Modernisierung oft zulasten von Beschäftigten gehen.

Gleichzeitig lassen sich vielversprechende und fortschrittliche Ansätze beobachten, die gesellschaftlich bislang allerdings randständig sind: Menschen aus verschiedenen sozialen Bewegungen und Gewerkschaften suchen gemeinsam nach inklusiven und radikalen Alternativen in Bereichen wie Wohnen, Energie, Mobilität und Industrieproduktion. Dabei stellen sie auch vorherrschende Konzepte von Arbeit und Arbeitsteilung, von Hand- und Kopfarbeit sowie von Produktion und Reproduktion in Frage. Sie orientieren sich an Prinzipien der Fürsorge und der sozialen Reproduktion, der inter- und intragenerationellen Gerechtigkeit, der radikalen Demokratie und der Umwelt- und Klimagerechtigkeit. Fortschrittliche Ansätze zeigen sich auch in gewerkschaftlichen Diskussionen und im Rahmen der betrieblichen Mitbestimmung (just transition, Demokratiezeit, u.a.). In akademischen Debatten wird all dies auch unter dem Begriff des labour environmentalism diskutiert.

Diese widersprüchlichen Entwicklungen stellen eine analytische ebenso wie eine politische Herausforderung für kritische Wissenschaft sowie emanzipatorische gesellschaftliche und politische Akteure dar. Es geht darum, die rückschrittlichen Tendenzen besser zu verstehen, um den progressiven zum Durchbruch zu verhelfen: Wie wird die ökologische Krise in verschiedenen Teilen der Arbeiter*innenklasse wahrgenommen? Wie wird sie mit Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit und mit Eigentumsfragen verknüpft? Warum wenden sich Teile der Arbeiter*innenbewegung in Zeiten schwerer sozial-ökologischer Verwerfungen nach rechts? Wie unterscheiden sich die Krisenerfahrungen von Arbeiter*innen entlang der Linien globaler Süden/globaler Norden, Industrie/Landwirtschaft, Produktion/gesellschaftliche Reproduktion? Wo und unter welchen Voraussetzungen werden Krisenerfahrungen regressiv oder progressiv politisiert? Welche Rolle spielen dabei Allianzen, die bestehende Trennlinien überwinden?

Wissenschaftler*innen, Aktivisten*innen aus sozialen Bewegungen und Gewerkschaften sowie Beschäftigte und Betriebsrät*innen aus verschiedenen Ländern kamen zusammen. Ziel war, in Plena und Workshops die Krise und die Perspektiven des labour environmentalism zu analysieren und Ideen für die gemeinsame zukünftige Arbeit und Vernetzung zu entwickeln. Alle Panels wurden im Livestream übertragen und aufgezeichnet.

Eine Veranstaltung von Arbeiterkammer Wien, Global Labour University, Institute for International Political Economy der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien, next economy lab, Norbert Elias Center for Transformation Design & Research der Europa-Universität Flensburg, Sonderforschungsbereich „Strukturwandel des Eigentums“ an der Universität Jena und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Aufzeichnungen

Montag, 1. Dezember

Vortrag: Petro-masculinity and the political ecology of labor
Englisch mit deutscher Übersetzung
Cara Daggett, Virginia Tech / Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit Potsdam

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news-54117 Mon, 01 Dec 2025 16:21:05 +0100 Die untoten Diktaturen https://bw.rosalux.de/dokumentation/id/54117 50 Jahre nach Francisco Francos Tod: ein Dialog mit Historiker*innen aus Spanien, Portugal und Griechenland über das lebendige Erbe der Diktaturen in Südeuropa Es ist eine Vergangenheit, die nicht vergehen will. Auch 50 Jahre nach seinem Tod am 20. November 1975 wirft die Diktatur Francisco Francos ihre langen Schatten auf die spanische Gesellschaft. Zwar markierte das Sterben des Generals auch das Ende der Diktatur, die er mit dem Militärputsch im Juli 1936 und dem Sieg gegen die Republikaner im nachfolgenden Bürgerkrieg im April 1939 errichtet hatte. Gleichzeitig blieb der „Übergang zur Demokratie“, die transición, immer unvollständig. 

Im Tausch gegen die Zulassung oppositioneller Parteien und Parlamentswahlen, wurden die franquistischen Herrschaftseliten von jeder Strafverfolgung verschont. Der „weiße Terror“ der Faschisten, der im Bürgerkrieg nach Schätzungen bis zu 200.000 direkte Opfer gekostet hatte, wurde niemals vor Gericht verhandelt. Genauso wenig wie Repressionen und Menschenrechtsverletzungen, die bis in die siebziger Jahre anhielten und weitere Tausende Opfer gefordert hatten. Über die Verbrechen wurde ein Mantel des Schweigens gelegt, der das politische Leben im spanischen Staat auf Dauer vergiftete.

Die mangelnde politische und rechtliche Auseinandersetzung mit der faschistischen Diktatur fordert heute ihren Tribut. Die verschiedenen progressiven Koalitionsregierungen unter dem sozialistischen Premierminister Pedro Sánchez haben seit 2018 unter dem Druck der Bewegungen für die Erinnerung an die Diktaturopfer einige begrenzte Fortschritte bei der politischen Aufarbeitung gemacht. So wurden die Gebeine Francos aus dem bis heute im Franquismus errichteten öffentlich zugänglichen falangistischen Pilgerort Valle de los Caídos (Tal der Gefallenen) in eine private Grabstätte überführt. Zum 50. Todestag etablierte die Regierung eine Kommission, die im ausgehenden Jubiläumsjahr öffentliche Veranstaltungen durchführte.

Gleichzeitig bleiben die Diktaturverbrechen bis heute straflos. Meinungsumfragen zeigen überdies, dass aktuell etwa 20 Prozent der spanischen Bevölkerung Sympathie für die Diktatur bekunden. Insbesondere bei jungen Männern wächst die Popularität des Generals. Um die 20 Prozent der Spanier*innen würden nach Meinungsumfragen auch die rechtsextremistische Partei Vox wählen, die sich in den vergangenen Jahren rechts der post-franquistischen rechtskonservativen Partido Popular (Volkspartei) etabliert hat. Bei kommenden Wahlen könnten diese beiden Parteien die neue Regierung bilden. In Spanien gibt es keine Brandmauern. 

Das Thema der transición stand auch im Mittelpunkt der Diskussionen einer Veranstaltungswoche, welche die Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Madrid und Athen organisierten. Dabei ging es um einen Dialog von Geschichtswissenschaftler*innen und Akteuren aus geschichtspolitischen Initiativen aus Spanien, Portugal und Griechenland. Das spanische Beispiel wurde im Kontext der Militärdiktaturen in Portugal und Griechenland diskutiert, die bereits ein Jahr früher 1974 zu Ende gekommen waren. Der komparative Blick wurde dabei nicht nur auf die Phasen des „Übergangs zur Demokratie“ Mitte der siebziger Jahre gelenkt, sondern auch auf die Herausforderungen der Erinnerungsarbeit und geschichtspolitischer Debatten heute. Dabei wurde deutlich, dass die Stärkung des Rechtsextremismus in allen drei Ländern in enger Beziehung zum Umgang mit den Diktaturen steht.

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news-54075 Mon, 24 Nov 2025 11:52:00 +0100 Aufrecht — Überleben im Zeitalter der Extreme https://bw.rosalux.de/dokumentation/id/54075 Gespräch und Lesung mit Lea Ypi und Jagoda Marinić „Als meine Großmutter mir zum ersten Mal von Gustavs Angebot erzählte, fragte ich sie, wie es sich angefühlt habe zu begreifen, dass sie für immer ihre Freiheit verloren hatte. ‹Ich war nie unfrei›, widersprach sie. ‹Was die meisten Leute für Freiheit halten, ist in Wahrheit eine Art Knechtschaft der Gefühle, Unterwerfung unter starke Emotionen: Angst; Gier, Neid. Ich glaube, frei sind wir nur, wenn wir versuchen, das Richtige zu tun.›“

Als Lea Ypi im Internet ein ihr unbekanntes Foto entdeckt, das ihre Großeltern 1941 beim Après-Ski in den italienischen Alpen zeigt, fragt sie sich, was sie wirklich über ihre Familie weiß. Warum hat ihre geliebte Großmutter Leman, genannt Nini, Französisch gesprochen, wenn sie doch in Saloniki aufgewachsen war, als Enkelin eines Würdenträgers? Was hatte sie bewogen, als junge Frau Griechenland zu verlassen und auf eigene Faust nach Tirana zu gehen? Wie war sie mit Asllan zusammengekommen, ihrem Mann, der bald für viele Jahre in einer „Universität“ verschwand? Und warum lächelte sie im Schnee von Cortina und zu einer Zeit, in der es nichts zu lachen gab, weil in Europa ein grausamer Krieg tobte?

Lea reist an die Orte von Lemans Leben, um es Stück für Stück anhand von Archivalien, Akten und Anekdoten zu rekonstruieren. Gebannt folgt man ihr in die untergegangene Welt der osmanischen Aristokratie, an die Wiege der neuen Nationalstaaten auf dem Balkan und natürlich nach Albanien, erst unter faschistischer Besatzung, dann unter kommunistischer Herrschaft.

Fesselnd, empathisch und in ihrem unnachahmlichen Ton erzählt Lea Ypi in Aufrecht von den Wendepunkten eines Lebens in extremen Zeiten von schicksalhaften Begegnungen, von Liebe und Verrat sowie von Entscheidungen gegen den Strom der Geschichte. Ihr neues Buch ist atemberaubende Familiensaga und tiefgründige Reflexion über die Zerbrechlichkeit der Wahrheit. Mit der Kraft der Imagination setzt es Menschen ein Denkmal, die ihre Würde zu bewahren vermochten, als sie mit Stiefeln getreten wurde.

Es sind die großen Fragen eines Lebens, die Lea Ypi in ihrem neuen Roman über die Geschichte ihrer Großmutter verhandelt. Und wie auch schon in ihrem ersten Roman "Frei" spielt der Begriff der Freiheit erneut eine große Rolle. Im Gespräch mit Jagoda Marinić soll entlang der Erzählung eine Annäherung an diese großen Fragen des 20. aber auch des 21. Jahrhunderts möglich werden.

Britta Steffenhagen liest Passagen aus dem Buch.

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news-54060 Mon, 17 Nov 2025 12:03:11 +0100 Anna Seghers 125 – Jüdin, Kommunistin, weltweit gefeierte Schriftstellerin https://bw.rosalux.de/dokumentation/id/54060 Notizen auf einer Rundreise mit Claudia Cabrera im Oktober 2025 Am 19. November wäre Anna Seghers 125 Jahre alt geworden. Ein gar nicht so runder Jahrestag und dennoch einer, bei dem ein erfreulich gesteigertes Interesse am Leben von Anna Seghers und eine neue Aneignung ihres literarischen Werkes registriert werden konnte. 

Als Netty Reiling in Mainz geboren, hatte sich Anna Seghers zunächst für ein Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Sinologie in Köln und Heidelberg entschieden. Mit einer Arbeit über „Jude und Judentum im Werk Rembrandts“ wurde sie promoviert. Schon früh begann sie, sich auch schriftstellerisch zu betätigen. Mit dem „Aufstand der Fischer von St. Barbara“ erregte sie bereits 1928 große Aufmerksamkeit. 1925 hatte sie den marxistischen Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler László Radványi (Johann-Lorenz Schmidt) geheiratet. Ihre beiden Kinder, Peter und Ruth, kamen 1926 bzw. 1928 zur Welt. Seghers zog nach Berlin, schloss sich der KPD an und wurde Gründungsmitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. Ihre wichtigsten, die ihren Weltruhm begründenden Werke – „Transit“, „Das Siebte Kreuz“, „Der Ausflug der toten Mädchen“ – entstanden auf der Flucht vor den Nazis und im Exil, das sie in Frankreich (1933-1941) und Mexiko (1941-1947) verbrachte. Das Schreiben rettete Anna Seghers das Leben. Nach ihrer Rückkehr entschloss sie sich für ein Leben in der DDR. Von 1952 bis 1978 fungierte sie dort als Präsidentin des Schriftstellerverbandes – eine Rolle, mit der sie ihr Glück nicht fand. Viele neue Erzählungen, Begegnungen und zahlreiche Preise lagen auf ihrem weiteren Weg. Schließlich erhielt sie 1981 gar die Ehrenbürgerschaft der Stadt Mainz verliehen. 1983 verstarb Anna Seghers in Berlin. 

Ihre Bücher aber bleiben. Und um darüber zu sprechen, hatte die Rosa-Luxemburg-Stiftung Claudia Cabrera im Oktober 2025 nach Deutschland eingeladen. Sie übersetzte die Exilwerke von Anna Seghers ins mexikanische Spanisch und damit erstmals in die Sprache des Landes, wo sie geschrieben wurden oder ihre Erstveröffentlichung erlebten. Unter anderem für dieses Engagement zeichnete das Goethe-Institut Cabrera 2024 mit der renommierten Goethe-Medaille aus. Mit ihren Übersetzungen baut sie an Brücken eines Kulturaustausches, dessen Bedeutung nicht hoch genug geschätzt werden kann – nicht zuletzt, da die in Seghers‘ Werk verhandelten Themen Heimat, Flucht, Antifaschismus und Exil heute wieder und aktueller denn je sind. 

Na, vielleicht sollte ich doch bald mal wieder die Bücher von Anna Seghers zur Hand nehmen.

Auf Claudia Cabreras Reise lagen vier Stationen in Frankfurt/Main, Mainz und zwei weitere in Berlin. Als ihre Gesprächspartner*innen begrüßten wir Doerte Bischoff (Uni Hamburg), Albrecht Buschmann (Uni Rostock), Claus-Jürgen Göpfert (ehemals Frankfurter Rundschau), Monika Melchert (Anna-Seghers-Gesellschaft) und Helga Neumann (Akademie der Künste). Im Mittelpunkt aller Podiumsgespräche standen zunächst Bedingungen und Umstände von Anna Seghers‘ Exil in Mexiko. Darüber hinaus wurden literarische Bezüge hergestellt, Editions- und Rezeptionsgeschichten diskutiert, Probleme des Übersetzens betrachtet wie auch das politische Wirken von Anna Seghers kritisch gewürdigt. So verschieden die vier Abende im Einzelnen verliefen, so ähnlich waren am Ende gleichsam Reaktionen aus dem Publikum zu vernehmen: „Na, vielleicht sollte ich doch ganz bald (mal wieder) die Bücher von Anna Seghers zur Hand nehmen!“ Hervorzuheben waren ebenso die in ihrer Anlage zwar unterschiedlichen und doch gleichermaßen eindrücklichen Rezitationen aus Anna Seghers‘ Texten durch Bettina Kaminski (Frankfurt/Main) und Boris Motzki (Mainz) gewesen.

Anlässlich des 125. Geburtstages von Anna Seghers werden Studierende der Schauspielschule Ernst Busch am 17. Dezember in der Bibliothek der Rosa-Luxemburg-Stiftung Anna Seghers‘ Textfragment „Reise ins Elfte Reich“ als szenische Lesung aufführen – poetisch, verstörend und ebenso: hoch aktuell.

Ganz herzlich bedanken möchten wir uns bei unseren Kooperationspartnern: der Anna-Seghers-Gesellschaft, der Botschaft der Vereinigten Mexikanischen Staaten, dem Club Voltaire Frankfurt, dem DGB-Frankfurt, dem Frankfurter Haus am Dom, dem Iberoamerikanisches Institut/Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin, dem Kulturdezernat der Landeshauptstadt Mainz, dem Literaturarchiv der Akademie der Künste, dem Literaturforum im Brecht-Haus Berlin, der Mainzer Bibliotheksgesellschaft, den Naturfreunden Frankfurt und Hessen, den VVN-Frankfurt/Main sowie nicht zuletzt auch bei unseren Landesstiftungen. Ohne das ehrenamtliche Engagement von, zum Beispiel, Hans-Jürgen Hinzer (Club Voltaire) oder Mathias Meyers (Mainz), hätten wir nicht so hohe Resonanz erzielt.

So möchten wir uns auch ganz besonders beim durchweg interessierten Publikum bedanken, das zudem einige der Veranstaltungsräume an ihre Kapazitätsgrenzen erinnerte. Ins Frankfurter Haus am Dom strömten mit Anna Seghers weit über 200 Menschen, der große Saal war schon vor Beginn der Veranstaltung überfüllt. Und erinnern werden wir uns lange über Claudia Cabreras Veranstaltungsreise hinaus an die Grußworte des mexikanischen Botschafters Francisco Quiroga, wonach beide Gesellschaften – die deutsche und die mexikanische – durch die europäischen Flüchtlinge der 1930er- und 1940er-Jahre bis heute eng miteinander verbunden seien. An Anna Seghers zu erinnern, bedeute jedoch zugleich – so Quiroga –, auch die heutigen Flüchtlinge nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Würde des Menschen müsse verteidigt werden!

Claudia Cabrera schließlich, der unser größter Dank gilt, wünschen wir gutes Gelingen für ihr ambitioniertes Vorhaben, Anna Seghers und mit ihr die Werke zahlreicher weiterer Schriftsteller*innen, die ihr Exil in Mexiko verbrachten, in den mexikanischen Literaturkanon hineinzuschreiben. 

Uwe Sonnenberg, Rosa-Luxemburg-Stiftung

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news-53995 Thu, 06 Nov 2025 10:39:15 +0100 Radikaler Reformismus in Zeiten des Krisenkapitalismus https://bw.rosalux.de/dokumentation/id/53995 Symposium zum 60. Geburtstag von Markus Wissen Die politischen Dynamiken und Krisen unserer Zeit drohen die Linke handlungsunfähig zu machen oder gar in einigen Ländern mit repressiven Mitteln in ihrer Existenz zu bedrohen. „Blockierte Transformation“, „Kapitalismus am Limit“ oder „Faschisierung“ versuchen diesen Sachverhalt auf den Begriff zu bringen. Gleichzeitig bleibt es Aufgabe kritischen Denkens und emanzipatorischen Handelns, die Verhältnisse zu verstehen sowie alternative Optionen zu entwickeln, zu stärken und wieder zu reflektieren. Markus Wissen ist dabei eine wichtige Stimme. „Kritik im Handgemenge“, so könnte in Anlehnung an Marx sein langjähriges wissenschaftliches und politisches Tun umrissen werden. Dabei bezog und bezieht Markus Wissen sich immer wieder auf das Konzept des „radikalen Reformismus“ (Joachim Hirsch). Inwieweit hilft uns das, die oft widersprüchliche Herausbildung von sozial-ökologischen und sozialistischen Alternativen genauer zu fassen und strategisch voranzubringen? Darauf und auf andere Fragen wird Markus Wissen in seinem Vortrag eingehen.

Markus Wissen ist Professor für Gesellschaftswissenschaften an der HWR Berlin, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat und Vertrauensdozent der Rosa-Luxemburg-Stiftung sowie Redakteur der Zeitschrift PROKLA.

Es kommentieren Christa Wichterich (Publizistin und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der RLS), Nina Schlosser (klimapolitisch aktiv und eh. Promotionsstipendiatin der RLS), Alex Demirovic (Sozialwissenschaftler und Philosoph, Universität Frankfurt/M. und Mitglied im Vorstand der RLS), Georg Wissmeier (Gewerkschafter und Bewegungsaktivist). Moderiert wird die Diskussion von Barbara Fried (Referentin für feministische Klassenpolitik).

Begrüßung durch Mario Candeias (Referent für sozialistische Transformationsforschung, linke Strategien und Parteien, RLS) und Ulrich Brand (Universität Wien, langjähriger Ko-Autor mit Markus Wissen).

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news-53727 Thu, 21 Aug 2025 11:50:26 +0200 Die politische Ethik der Unterdrückten – Die Benjamin Lectures 2025 https://bw.rosalux.de/dokumentation/id/53727 Über Freiheit, Solidarität und Selbstachtung – Walter-Benjamin-Lectures von Tommie Shelby Vom 18. bis 20. Juni 2025 fanden die diesjährigen Benjamin Lectures des Centre for Social Critique der Humboldt-Universität zu Berlin statt. Wir als Rosa-Luxemburg-Stiftung konnten diese in Kooperation mit weiteren renommierten Partnern wie dem The New Institute und dem Haus der Kulturen der Welt durchführen. Die Veranstaltungsreihe widmete sich unter dem Titel „Die politische Ethik der Unterdrückten“ einer der zentralen Fragen unserer Zeit und stieß auf außergewöhnlich großes Interesse in der Öffentlichkeit.

Tommie Shelby, einer der führenden Philosophen und Experten für African American Studies von der Harvard University, hatte in diesem Jahr den Benjamin Chair des Centre for Social Critique inne. In seinen drei Vorträgen beleuchtete Shelby den bedeutsamen Beitrag der Tradition des Schwarzen radikalen Denkens zur Sozial- und Politikphilosophie und insbesondere die Entwicklung einer spezifischen „Ethik der Unterdrückten“.

Die beeindruckenden Teilnehmerzahlen – 700 Zuhörer*innen am ersten Tag, 420 am zweiten und 400 Interessierte am dritten Tag – unterstreichen das große Interesse an diesen grundlegenden ethischen und politischen Fragestellungen. Shelby führte das Publikum durch die Gedankenwelt bedeutender Denker*innen wie Frederick Douglass, W.E.B. Du Bois, Ida B. Wells und Martin Luther King Jr., die sich nicht nur mit der Diagnose gesellschaftlicher Übel und der Entwicklung von Befreiungsstrategien beschäftigten, sondern auch mit der existenziellen Frage, wie unter den Bedingungen anhaltender Unterdrückung ein würdevolles und sinnerfülltes Leben geführt werden kann. Als theoretischen Rahmen wählte Shelby die Werke von Richard Wright (1908-1960), einer Schlüsselfigur des Schwarzen radikalen Denkens. Anhand von Wrights philosophischer Belletristik und literarischen Sachbüchern untersuchte er zwei zentrale Werte jeder vertretbaren politischen Widerstandsethik: Solidarität und Selbstachtung. Dabei stellte er die provokante Frage nach dem Stellenwert individueller Freiheit – einschließlich geistiger Unabhängigkeit, Individualität, Meinungsfreiheit und des Strebens nach Selbstverwirklichung – innerhalb der politischen Ethik der Unterdrückten.

Die Benjamin Lectures wurden auf Englisch mit deutscher Simultanübersetzung gehalten und ermöglichten so einem breiten Publikum den Zugang zu diesen wichtigen philosophischen Reflexionen. Darüber hinaus setzte diese Kooperation wichtige Impulse für die zeitgenössische Debatte um Gerechtigkeit, Widerstand und Emanzipation. 

In Kooperation mit „Kritische Theorie in Berlin“, The New Institute, Humboldt Universität zu Berlin und Haus der Kulturen der Welt.

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news-53544 Mon, 23 Jun 2025 14:32:05 +0200 Solidarischer Migrationsgipfel https://bw.rosalux.de/dokumentation/id/53544 Resumee und Abschlusserklärung Der Solidarische Migrationsgipfel hat am 14. Juni 2025 in Berlin getagt. Fast 50 Vertreter*innen von migrantischen Selbstorganisationen, Forschungsinstitutionen und zivilgesellschaftlichen Initiativen haben dort von ihrer Praxis für eine gerechte und inklusive Gesellschaft berichtet, für die in langen Zyklen gekämpft wurde und für deren Verwirklichung es die Solidarität der demokratischen Zivilgesellschaft braucht. Die anwesenden Vertreter*innen haben diese Erklärung auf der Bühne als einen kraftvollen Ausdruck gegen die autoritären und migrationsfeindlichen Angriffe auf unsere vielfältige Migrationsgesellschaft gemeinsam verabschiedet.

Die Abschlusserklärung der Teilnehmer*innen:

Die Gesellschaft der Vielen

Eine Einladung zur Solidarität

Deutschland war und ist eine Migrations- und Einwanderungsgesellschaft – das ist keine Behauptung, keine Vision oder Utopie, sondern eine Tatsache. Es gibt kein „vor der Migration“. Deutschland hat einen Migrationshintergrund, ein anderes Deutschland gibt es nicht und gab es nie. Es gibt nur unterschiedliche Arten der Gestaltung der Migrationsgesellschaft. Hier erinnern wir auch an den demokratischen Impuls des sogenannten Sommers der Migration vor zehn Jahren, der von Gastfreundschaft, gegenseitigen Interesse und Solidarität gekennzeichnet war und unsere Gesellschaft nachhaltig positiv geprägt hat.

Die Migrationsgesellschaft wird derzeit massiv angegriffen. Das führt zu Abbau und Zerstörung von Demokratie und Menschenrechten allgemein. Forderungen nach Homogenität und Schließung behaupten zwar Harmonie und Sicherheit, bedeuten aber Exklusion und Gewalt. Abschottung schafft ein Klima der Ohnmacht, des Misstrauens und der Angst. Aktuell beobachten wir in erschreckender Parallele zur Entwicklung in den USA, wie sich ein Bundesinnenminister öffentlich gegen geltendes Recht stellt, zivilgesellschaftliche Organisationen mit kleinen Anfragen, Klagen und Verleumdungen an ihrer demokratischen Arbeit gehindert werden, Menschen um ihren Aufenthalt und ihre Staatsangehörigkeit, ihre körperliche Unversehrtheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung bangen müssen, Kinder aus ihrer Schulklasse heraus abgeschoben werden und geflüchteten Familien das Zusammenleben unmöglich gemacht wird – alles im Namen eines imaginierten homogenen „Wir“, dessen Willen gegen vermeintliche Minderheitenpositionen durchgesetzt werden soll. Aber die Bedrohung liegt in der Kategorisierung und Entrechtung von Bevölkerungsgruppen, den offenen Rechtsbrüchen der Regierung, den autoritären Angriffen auf die demokratische Zivilgesellschaft und rassistischer Gewalt, nicht in der Migration. 

Diejenigen, die – sichtbare oder unsichtbare – Grenzen überschreiten, um ihre Ausgrenzung zu überwinden, sind Pionier*innen der Demokratie. Sie streben ein gutes Leben unter Bedingungen ihrer strukturellen Entrechtung an. Dabei fordern sie ein, was allen zusteht und erweitern so den demokratischen Raum: Bedingungen, unter denen Menschen sich als würdige und gleichberechtigte Subjekte verstehen, darstellen und als solche leben können. In diesen Kämpfen offenbart sich, was Demokratie im Kern ist: nicht ein Vorteilssystem für Wenige, sondern die gemeinsame Aushandlung gesellschaftlichen Zusammenlebens unter Vielen. 

Als Solidarischer Migrationsgipfel stellen wir uns gegen rassistische Stigmatisierung und moralische Panikmache. Wir weisen die vehemente Skandalisierung von Migration und Leugnung der migrationsgesellschaftlichen Realität Deutschlands zurück und wenden uns gegen alle Spielarten eines zunehmenden Autoritarismus. 

Eine offene Migrationsgesellschaft stellt ein Versprechen auf eine Zukunft dar, in der soziale Rechte nicht begrenzt, sondern erweitert werden – für alle. Migration benötigt nicht nur demokratische Verhältnisse, sondern bringt diese auch maßgeblich hervor.

Wir kämpfen um und für die Gesellschaft der Vielen, für einen offenen Raum des Zusammenlebens unter Bedingungen von Differenz und Dissensfähigkeit. Genau darin liegt ihre demokratische Qualität. Denn Demokratie lebt nicht von Vereindeutigung und Vereinseitigung, sondern vom produktiven Streit, von konflikthaften Aushandlungen darüber, wie wir zusammenleben wollen, und darüber, was gerecht, gleichberechtigt und menschenwürdig ist. 

Bewegungen der Migration sind Ausdruck unser globalen Verwobenheit und unser lokalen Bedürfnisse. Sie bringen die Vielfalt menschlichen Lebens und menschlicher Lebensweisen miteinander in Kontakt, erfordern ein anderes gesellschaftliches Miteinander in der Gegenwart und ermöglichen so neue Zukunftsentwürfe – nicht im Sinne multikultureller Buntheit, sondern als Vision radikaler Mitbestimmungsrechte für alle, die von Entscheidungen betroffen sind. Die vielen solidarischen Kommunen und Solidarity Cities machen vor, wie Inklusion, Wohlstand und Sicherheit für alle gestärkt werden kann. Dort, wo sich verschwistert wird, wo Nachbarschaften sich gegen die Abschiebung ihrer Mitmenschen wehren, wo eine Stadtgesellschaft vereint um Opfer rechter Gewalt trauert, wo gemeinsam gelernt, gearbeitet und gelebt wird, schwindet die Angst und wächst der gesellschaftliche Zusammenhalt. 

Die solidarische Migrationsgesellschaft der Vielen ist beides: Eine gelebte Realität und gleichzeitig ein Ausblick auf eine gerechtere Zukunft. Sie ist der Ausgangspunkt für eine politische Praxis, die auf gelebte Solidarität und soziale Inklusion zielt: auf mehr Teilhabe, mehr Freiheit, mehr soziale Gerechtigkeit und die Ausweitung sozialer Rechte für Alle.

Der Solidarische Migrationsgipfel lädt dazu ein, unsere Türen zu öffnen und empathisch für die Gleichwertigkeit der Leben einzutreten. Und er fordert dazu auf, uns ausdrücklich und vehement zur Gesellschaft der Vielen zu bekennen und für Offenheit, Streitbarkeit und Solidarität zu kämpfen! 

Berlin, 14. Juni 2025

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news-53476 Fri, 30 May 2025 16:19:48 +0200 Geld.Macht.Stadt. https://bw.rosalux.de/dokumentation/id/53476 Die Re-Feudalisierung der Städte? Ein Veranstaltungsbericht news-53452 Fri, 23 May 2025 14:23:01 +0200 Gegenmacht im Gegenwind https://bw.rosalux.de/dokumentation/id/53452 Gewerkschaftliche Kämpfe als Antwort auf Rechtsruck, Transformation und Kürzungspolitik news-53449 Fri, 23 May 2025 11:58:25 +0200 Im Widerstand gegen rechts gestern und heute https://bw.rosalux.de/dokumentation/id/53449 Dem Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer zu Ehren Die Rechte in Deutschland gewinnt an Stärke. Und nicht nur hier versteht sie sich im Widerstand gegen einen „linksgrün versifften“ Zeitgeist. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer kämpfte gegen das NS-Regime. „Man müsse dem Rad in die Speichen fallen“, sagte er. Heute wird dieses Zitat von der Neuen Rechten benutzt, um ein Recht auf Widerstand gegen einen angeblich linken Zeitgeist zu beanspruchen. Bonhoeffer war jahrzehntelang das Vorbild für linke oder progressive und liberale Kreise. Er spielt bis heute für die Bürgerrechtsbewegung eine bedeutende Rolle, für jene, die sich für soziale Gerechtigkeit und in der Friedensbewegung engagieren. Doch nun benutzen ihn auch evangelikale und neurechte Kreise. So wie Bonhoeffer gegen Hitler, so müssten gute Christen Widerstand gegen die heutigen Demokratien leisten.

Zum 80. Jahrestag der Ermordung des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer hat der Gesprächskreis Weltanschaulicher Dialog der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit seinem Kolloquium Bonhoeffer gedacht: Was heißt Widerstand heute in Zeiten eines globalen Rechtsrucks? Das Kolloquium fand in Kooperation mit der Hellen Panke statt.

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