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Diese Tagungsreihe „Theodor Bergmann Lectures“, liebe Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Genossinnen und Genossen,
erinnert an den am 12. Juni 2017 mit über 100 Jahren gestorbenen Marxisten Theodor Bergmann, einen Brückenbauer zwischen alter Linken, der er in der kommunistischen Jugend, der KPO und der Gruppe Arbeiterpolitik verbunden war, und der neuen Linken, auch unserer Landesstiftung.
Ganz anders Wolfgang Fritz Wolf, der „Junge aus der schwäbischen Provinz“, wie er von sich selbst sagt, den wir heute besonders ehren.
Für Wolf gab es keine direkte Brücke, er kam über die alte Ostermarschbewegung, die im Widerstand gegen den Atomtod entstand, zur Politik und auf Umwegen zum Marxismus.
Seit 1959 gab er für diese Bewegung ein Blatt in Flugblattform heraus, aus dem sich im Umfeld des Berliner SDS eine wichtige akademische Theoriezeitschrift der Bewegung von 1968 entwickelte. „Politische Ziehmutter“ war übrigens zunächst Ulrike Meinhof. In ihren besten Zeiten 69-74 erreicht die oft voluminöse und mit Sonderdrucken und Sonderbänden ergänzte Zeitschrift eine heute undenkbare Auflage von 25.000.
In der beengenden Zeit Adenauers, der Kommunistenverfolgung, die alles Linke treffen sollten, der Springerpresse, des Wirtschaftswunders und des fortlebenden Faschismus dienten Horkheimer, Marcuse und Adorno als „Mittelsmänner“, um die Faszination von Kapitalismus und Faschismus zu erfassen, also des Marxist-Werdens.
Ablenkung durch Konsum und mediale Manipulation waren Stichworte der Bewegung, deren ungeduldigster Teil mit den Frankfurter Kaufhausbrandanschlägen 1968 den Weg in den Terrorismus einschlug. Wolf analysierte 1971 in seiner »Kritik der Warenästhetik« jene alternatives Denken völlig überblendende „Fata morgana der Warenästhetik“, die heute auch die personalisierenden Wahlen prägt.
Wie Karl Kautsky scheitert Wolf zunächst beim Versuch, „Das Kapital“ zu lesen, nur um schon 1971 Kurse zur Einführung zu halten.
Anders als Kautsky, dem vergleichbar produktiven Herausgeber der „Neuen Zeit“, lieferte Wolf aber nicht eine lesbare Volksausgabe des Marxschen Kapital, sondern Einführung in „Begriffsinstrumente und Verfahrensweisen“. Eine „Beratung des Anfängers“ nennt Wolf das zurückhaltend, und so darf man ihn lesen.
Undenkbar wäre heute auch, dass sich im Januar 1977 im Audimax der FU Berlin weit über 1.200 Studierende zu einer Diskussion mit Wolf zum Thema „Wozu Kapitalstudium?“ zusammenfinden. Genauer: gegen die Einschränkung dieser Kurse im Zuge der Berufsverbotspolitik. Die traf indirekt auch Wolf, dessen Berufung als Professor vom Fachbereich 1973 vorgeschlagen wurde, aber nach erheblichem Druck erst 1979 Erfolg hatte.
Frank Deppe, der sich ein Jahr zuvor in einer ähnlichen Situation befand, lobte zum 50. Geburtstag der Zeitschrift 2008, dass „Das Argument“ in jenem Jahrzehnt das Bewusstsein und Selbstverständnis der jungen, linken Studierenden und ein intellektuelles Ethos gesellschaftlicher Verantwortung nachhaltig geprägt hat.
Der hilflose Antifaschismus
Die Auseinandersetzung mit dem noch immer beschwiegenen Faschismus wurde, neben dem Vietnamkrieg, Schlüsselmotiv der 68er. Dem ist Wolf 1967 nachgegangen, indem er (auf Druck der Studierenden angesetzte) Ringvorlesungen zum NS in Tübingen, Berlin und München untersuchte.
Das offene Auftreten der postfaschistischen NPD provozierte die Frage, ob ein gutwilliger Antifaschismus, der Faschismus als Einbruch von außen abwehren will, nicht deshalb hilflos bleiben muss, weil der Faschismus tief in der bürgerlichen Gesellschaft wurzelt. Und Wolf musste konstatieren, dass in den untersuchten Vorlesungen jegliche Analyse fehlte, die „den Faschismus mit Struktur und Dynamik des Kapitalismus in Zusammenhang bringt“.
Gemeint war dessen Funktion zur „Sicherung der kapitalistischen Besitz- und Verfügungsverhältnisse“, wenn das demokratisch nicht mehr möglich sei. Daher könne moralischer Antifaschismus wenig zu einer „realitätstüchtigen politischen Abwehr des Faschismus“ beitragen.
Wir (damals) Jungen begriffen Wolfs vielgelesene Studie „Der hilflose Antifaschismus“ als Ermutigung.
Zwanzig Jahre später betonte Wolf, Faschismus sei zwar nur auf der Grundlage des Kapitalismus begreifbar, aber nicht platt aus ihm ableitbar. Der Faschismus sei selbst Subjekt und daher wäre auch nach dem Werden der Subjekte zu fragen, die ihn tragen: dem Anteil jenes Egoismus des Ellenbogens, den Wilhelm Heitmeyer 2018 in seinen Studien als „rohe Bürgerlichkeit“ überschreibt.
Wolf untersuchte 1986 in der Studie „Faschisierung des Subjekts“ die „Konstitution von Höherwertigkeit und Minderwertigkeit“, von lebenswertem und lebensunwertem Leben am Beispiel von Medizin und Psychiatrie, die zu Vorbereitern der Ausrottungspraktiken des NS wurden. Auch der heutige „plebejische Rassismus“, so Wolf, wurzele in Erfahrungen im sozialdarwinistischem Kampf um die besten Plätze, verschärft durch einen entfesselten globalisierten Neoliberalismus. Im Postkommunismus nach 1980 wollte sich ein entfesselter Neoliberalismus an die Stelle des Sozialkompromisses setzen, doch auch dieser „Hightech-Kapitalismus“ geriet in schwere Krisen mit zunehmend autoritären Lösungsversuchen.
Bemerkenswert jedenfalls scheint mir, was Frank Deppe Wolf 2001 in Wolfs Geburtstagsbuch zum 65. geschrieben hat, nämlich dass Krisen nicht naturwüchsig nach links politisieren, sondern durch die unumschränkte Herrschaft der Kapitallogik und die Ideologie des Sozialdarwinismus „sich weite Spielräume für einen rechten Populismus auftun, der Elemente der Kapitalismuskritik aufgreift und sie in rassistische und nationalistische Diskurse einschmilzt“. 12 Jahre vor der Gründung der AfD und 16 vor der ersten Wahl Trumps!
Wie sich das heute etwa in den USA darstellt, wird Jan Rehmann zeigen, der dort lange wirkte.
Gegen diesen rechten Populismus setzt Wolf auf die Konstruktion einer neuen Solidarität, wie sie etwa Klaus Dörre in seinem zusammen mit Anna Mehlis herausgegebenen Buch als „Sozialismus von unten. Beispiel für die erneuerte Sozialismus-Diskussion“ vorstellt.
Pluraler Marxismus
Mit dem Attentat auf Rudi Dutschke, der Gründung der DKP 1968, der Entwicklung maoistischer und trotzkistischer Kleingruppen, die oft zu Sekten wurden, zerfaserte die Studentenbewegung. Wolf aber verteidigte Das Argument als eine Plattform für das sachliche und wissenschaftliche Austragen von Diskursen, die auf der Linken sonst leicht als Vernichtungsschlachten ausgetragen werden. In Anknüpfung an den Eurokommunismus und sich vom Stalinismus abgrenzend plädierte Wolf 1985 für einen lebendig diskutierenden „Pluralen Marxismus“, besser: für Marxismen.
Wolfs Suchbewegung auf dem Hintergrund des Eurokommunismus stieß auf ein reiches Erbe der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung, vor allem auf Antonio Gramsci, der in Mussolinis Gefängnissen über die Ursachen der Niederlage der Rätebewegungen und die Stabilität der bürgerlichen Gesellschaft und ihres Staates nachdenken musste.
Wolf wurde Mitherausgeber und Mitübersetzter der kritischen Gesamtausgabe der Gefängnishefte von Antonio Gramsci, die seit 1991 im Argument-Verlag erschienen. Dieses „Textmosaik“ Gramscis und das Nachdenken über die Funktionsweise bürgerlicher Hegemonie regt bis heute an. Wolfs Hinweise zum Zusammenhang von Produktionsweise und Lebensweise sollten beachtet werden, gerade im Hinblick auf die oft „Faschisierung“ genannten Prozesse.
Angeregt durch Gramsci wurde auch die (Neue) Rechte, die bisher, anders als im Jahrzehnt vor 1933, das akademische Milieu nicht dominiert und einen neuen „historischen Block“ unter Dominanz der AfD vorbereitet, auch durch „Metapolitik“ im kulturellen Bereich. Sie diskutiert über „kulturelle Hegemonie, also die Meinungsführerschaft im Alltag der Menschen, in den Vereinen und Bildungseinrichtungen, in den Kirchengemeinden und an den Stammtischen“.
Sebastian Friedrich hat in seinem Blog „Über Rechts“ diesen Ansatz am Beispiel des neuen Buchs von Benedikt Kaiser kompetent analysiert, verweist aber auch immer wieder darauf, dass die Rechtsentwicklung im Kern ein Elitenprojekt ist.
Wörterbuch
1996 wurde Wolf Gründungsvorsitzender des „Berliner Instituts für kritische Theorie“ InkriT, das seit 1994 das Jahrhundertwerk „Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus“ (HKWM) herausgibt.
Und so ist Wolf, wie Theo Bergmann, noch zu einem „Bewahrer von Traditionsbeständen kritischen Denkens“ geworden, wie Oskar Negt formulierte.
Ein Freund schrieb zu Wolfs 65. Geburtstag und Emeritierung 2001, Wolf habe ja nun 25 Jahre Zeit, das Wörterbuch bis zu seinem 90. Geburtstag zu vollenden. Da aber wurde gerade der Buchstabe N erreicht und das HKWM erwies sich, wie von Georges Labica vorhergesagt, als „gigantisches Abenteuer“.
Auf Wolfs Homepage findet sich ein Bild aus der Manessischen Liederhandschrift. Es zeigt den „Schulmeister von Esslingen“. Lehrer bräuchten die Sozialisten, keine diktatorische Führer schrieb Antonio Labriola 1890.
Solche ein Lehrer ist uns der in Esslingen geborene und dorthin zurückgekehrte Wolf Haug, Lehrer im Sinne einer ständig zu erneuernden Philosophie der Praxis und ein Ratgeber in „praktischer Dialektik“, die es ermöglicht, in widersprüchlichen Feldern, gar in Zwickmühlen, politisch zu agieren, und nicht in „spaltende Rechthaberei“ abzugleiten, die handlungsunfähig macht.
Ich danke dir, lieber Wolf, zu deinem 90. Geburtstag in der Hoffnung, dass dein bedeutendes Werk, dass die von dir vertretene praktische Dialektik Eingang findet in eine erneuerte Linke.

